Auch wenn sich Arriaga noch an den «Klassikern» der Gattung orientierte (und nichts anderes wird man damals im Alter von 17 Jahren am Conservatoire wohl auch empfohlen haben), so weisen seine Werke doch einen eigenen Charakter auf. Sowohl die gestrenge Wiener Faktur als auch der etwas lockerere Pariser Tonfall werden aufgenommen und frisch weitergedacht, manche Rhythmen sind deutlich von der Musik seiner baskisch-spanischen Heimat inspiriert. Am exponiertesten zeigt sich dies alles im Quartett d-Moll – ein Werk, das ebenso wie die nur wenig später entstandene Sinfonie erahnen lässt, welch ein aufblühendes Genie dem 19. Jahrhundert und der iberischen Halbinsel verloren gegangen ist. Die wirkliche Größe der hier und da bereits eingespielten Streichquartette zeigt die Aufnahme des Cuarteto Quiroga auf herausragende Weise. Man merkt den Interpretationen, ja, schon den ersten Tönen an, dass hier genau hingehört wurde – wie es dann auch im Booklet mit sympathischem Understatement heißt: «Having spent over 20 years studying these scores, learning from them…» Das hier etwas «with guts» produziert wurde, wie es auf dem Cover heißt, möchte ich als Reaktion auf die bisherige Rezeption verstanden wissen: Ausdrucksstarke Rhetorik, melodischer Fluss, harmonische Akzente, genaue Abstufung der Dynamik und feinste Modulation des Tons (zumal auf Darmsaiten), holen die Werke aus jeder vermeintlichen Beiläufigkeit heraus. Ein Album, an dem man nicht vorbeigehen kann, eine reife Quartettformation, von der man unbedingt mehr in dieser Reife hören möchte.
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Juan Arriaga. Streichquartett Nr. 1 d-Moll; Streichquartett Nr. 2 A-Dur; Streichquartett Nr. 3 Es-Dur
Cuarteto Quiroga Cobra Records 0101 (2025)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.