13. Juni 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Cuarteto Quiroga

Cuarteto Quiroga
Cuarteto Quiroga
Das Schicksal hat es nicht gut mit ihm gemeint. Nicht nur, dass Juan Crisóstomo Arriaga (1806–1826) zehn Tage vor seinem 20. Geburtstag an Tuberkulose verstarb, ein Jahrhundert-Hochwasser in Bilbao vernichtete 1983 auch noch zahlreiche der erhaltenen Erinnerungsstücke und Musikhandschriften seines ohnehin schmalen, jedoch überaus vielversprechenden Å’uvres. Dabei begann alles wie in einem Märchen: Die Fürsprache bedeutender Musiker und die finanzielle Unterstützung eines Mäzens ermöglichten Arriaga ab 1821 ein Studium am Pariser Konservatorium; vor allem in Kontrapunkt und Fuge machte er binnen kürzester Zeit so bedeutende Fortschritte, dass ihm 1823 und 1824 Preise zuerkannt wurden und er schließlich (noch als Student) Repetitor in der Klasse von François-Joseph Fétis ernannt wurde. Im Druck erschienen damals nur seine auch heute mehr eingespielten als gespielten drei Streichquartette, über die Fétis noch 1868 in seiner Biographie universelle bemerkte: «Il est impossible d’imaginer rien de plus original, de plus élégant, de plus purement écrit que ces quatuors, qui ne sont pas assez connus» (Man kann sich nichts Originelleres, nichts Eleganteres und nichts Stilvolleres vorstellen als diese Quartette, die viel zu wenig bekannt sind).

Werbung

Auch wenn sich Arriaga noch an den «Klassikern» der Gattung orientierte (und nichts anderes wird man damals im Alter von 17 Jahren am Conservatoire wohl auch empfohlen haben), so weisen seine Werke doch einen eigenen Charakter auf. Sowohl die gestrenge Wiener Faktur als auch der etwas lockerere Pariser Tonfall werden aufgenommen und frisch weitergedacht, manche Rhythmen sind deutlich von der Musik seiner baskisch-spanischen Heimat inspiriert. Am exponiertesten zeigt sich dies alles im Quartett d-Moll – ein Werk, das ebenso wie die nur wenig später entstandene Sinfonie erahnen lässt, welch ein aufblühendes Genie dem 19. Jahrhundert und der iberischen Halbinsel verloren gegangen ist. Die wirkliche Größe der hier und da bereits eingespielten Streichquartette zeigt die Aufnahme des Cuarteto Quiroga auf herausragende Weise. Man merkt den Interpretationen, ja, schon den ersten Tönen an, dass hier genau hingehört wurde – wie es dann auch im Booklet mit sympathischem Understatement heißt: «Having spent over 20 years studying these scores, learning from them…» Das hier etwas «with guts» produziert wurde, wie es auf dem Cover heißt, möchte ich als Reaktion auf die bisherige Rezeption verstanden wissen: Ausdrucksstarke Rhetorik, melodischer Fluss, harmonische Akzente, genaue Abstufung der Dynamik und feinste Modulation des Tons (zumal auf Darmsaiten), holen die Werke aus jeder vermeintlichen Beiläufigkeit heraus. Ein Album, an dem man nicht vorbeigehen kann, eine reife Quartettformation, von der man unbedingt mehr in dieser Reife hören möchte.

Werbung

Juan Arriaga. Streichquartett Nr. 1 d-Moll; Streichquartett Nr. 2 A-Dur; Streichquartett Nr. 3 Es-Dur
Cuarteto Quiroga

Cobra Records 0101 (2025)

HörBar #189 – Streichquartette

Barbican Quartet

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

    View all posts
hoerbar_nmz

Der HörBar-Newsletter.

Tragen Sie sich ein, um immer über die neueste Rezension informiert zu werden - entweder täglich oder mit den Rezensionen der vergangenen Woche am Sonntag.

Liste(n) auswählen:
DSGVO-Abfrage* 

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

This entry is part 4 of 4 in the series HörBar #189 – Streichquartette

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.