28. Juni 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Jesu, meine Freude

Jesu, meine Freude
Jesu, meine Freude
Jesu, meine Freude. Dieser erstmals 1653 mit Versen von Johann Franck und einer Melodie von Johann Crüger gedruckte Choral zählt bis heute zum Kernbestand protestantischer Kirchenlieder. Vor allem im 18. Jahrhundert haben sich zahlreiche Kantoren (und Organisten) mit ihm kompositorisch auseinandergesetzt: in Kantaten und Motetten (oder in Choralbearbeitungen) verschiedenster Art. Dass ein Album mit gleich vieren dieser Werke nun aber nicht ermüdet, sondern anhaltend begeistert und nach «mehr!» verlangt, ist zunächst dem herausragenden einstimmigen Original geschuldet: Zum einen bieten die starken Worte des Chorals vielfältigste Möglichkeiten der musikalischen Umsetzung, zum anderen eröffnet die Melodie ein reiches Spektrum harmonischer Deutungen. Es mag wohl genau dieser Grund sein, warum etwa die Bach’sche Motette zu den beliebtesten zählt und so auch bei dieser Produktion nicht fehlen darf. Zugleich bildet sie aber auch den Angelpunkt, um den herum sich eine frühe Kantate aus der Feder von Telemann (1714/15) sowie zwei Werke aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gruppieren: eine Motette des Thomaskantors Johann Friedrich Doles (1715–1797) wie auch eine weitere Kantate des im Thüringischen Altenburg wirkenden Johann Ludwig Krebs (1713–1780).

In jeder der Kompositionen wird der Choral auf andere Art behandelt. Am vielleicht überraschendsten ist dabei das doppelte Absetzen nach dem Stollen (innerhalb der Strophe) bei Georg Philipp Telemann: Hier folgt jeweils eine Arie, nach dem Abgesang dann ein Chor, Rezitativ und Arie sowie eine weitere Choralstrophe auf die Melodie von Wie schön leuchtet der Morgenstern. Doles hingegen schrieb eine Choralmotette, die trotz Imitation, Kontrapunkt und Darstellungskraft in der Melodik schon deutlich von der Empfindsamkeit geprägt ist. Auch die Kantate von Krebs steht zwischen den Epochen. Sie ist noch erkennbar im Hochbarock beheimatet und zeigt – angelehnt an Bach – ein so hohes Niveau musikalischer Erfindung (auch wenn Krebs in der Arie «neuzeitlich» wird), dass man sich fragen muss, warum nicht längst viel mehr von ihm in dieser Qualität zu hören war. – Es berührt mich äußerst sympathisch, dass im Booklet über die schwierigen Umstände der im Sommer 2020 produzierten Aufnahme kein einziges Wort verloren wird. Stattdessen lassen Gordon Safari und das solistisch, instrumental und im Continuo glänzend aufgelegte Ensemble BachWerkVokal die Musik sprechen. Das auch akustisch überzeugende Album wird man nicht nur einmal hören wollen.

Georg Philipp Telemann. Jesu, meine Freude (Kantate) TWV 1:966; Johann Friedrich Doles. Jesu, meine Freude (Motette); Johann Sebastian Bach. Jesu, meine Freude (Motette) BWV 227; Johann Ludwig Krebs. Jesu, meine Freude (Kantate) KWV 110
Ensemble BachWerkVokal, Gordon Safari
MDG 923 2207-6 (2020)

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Teil 3 von 5 in Michael Kubes HörBar #060 – Kantaten

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