29. Januar 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Clara Iannotta

Clara Iannotta
Clara Iannotta

Die beim Label KAIROS erscheinende Serie mit Komponisten-Portraits ist weit mehr als ein repräsentatives Aushängeschild der Ernst von Siemens Musikstif­tung. Es handelt sich eher um eine ästhetisch unvoreingenommene klingende Dokumentation zeitgenössischer Musik. Sie ermöglicht damit einen weiterfüh­renden Diskurs auch abseits einzelner Festivals oder Studioproduktionen, die allzu schnell im Archiv verschwinden. Sie ist Teil eines Vermittlungsprozesses, der die vielfach komplex notierten klangliche Vorstellungen auch abseits einer realisierenden Live-Aufführung erfahrbar macht – und noch dazu in wiederhol­barer Weise, so dass sich die einzelnen Werke auch nachhören lassen. Die so entstehende Vertrautheit mit Einzelnem ermöglicht schließlich einen Einblick in Stile und Ausdrucksformen. Der ganz individuelle musikalische Gestaltungswille von mehr als 20 Komponist:innen wurde bereits auf diese Weise erfahrbar ge­macht. Was fehlt, ist eine wirkliche diskursive Auseinandersetzung mit dem einfach, doppelt oder gar dreifach Gehörten – ein Diskurs, der über die Reflexion individueller Vorstellungen auch zu umfassenderen ästhetischen Einsichten kommt.

Dies gilt auch für die Klänge von Clara Iannotta (geb. 1983 in Rom), die schwer zu fassen sind. Fast möchte ich Markus Böggemann zustimmen, der in seinem Essay ein Bild von Räumen entwickelt, die sich «unter einer Oberfläche auftun wie die Tiefsee unter der Oberfläche des Ozeans. Räume, die etwas Verborge­nes enthalten, das indirekt, als Reflex, in die Außenwelt reicht.» Orientiert man sich jedoch an den Titeln, den Kommentaren der Komponistin und den Klängen selbst (und den mit ihnen einhergehenden Assoziationen), so glaubt man meistenteils den Mikrokosmos eines Insektariums vor sich. Dennoch handelt es sich lediglich um wechselseitige Assoziationen, um den fortwährenden Prozess der Verände­rung zu beschreiben – als stehende, unregelmäßig um sich mäandernde Konstellationen, statische rhythmische Repetitionen oder – wie in Moult (Häutung) – als Ächzen und Reiben haptisch erfahrbaren Materials. Wie unbeirrt Clara Iannotta ihre Vorstellungen umsetzt und den Klangfundus des gewählten Instrumentariums erweitert, zeigen die hier ausgewählten Werke in ihrer eigenartig hermetischen Sprache auf der Grenze zum Geräusch. Eine hochfrequente Entdeckungsreise.


Clara Iannotta: Moult (2018/19), paw-marks in wet cement (ii) (2015–2018), Troglodyte Angels Clank By (2015), dead wasps in the jam-jar (ii) (2016)
WDR Sinfonieorchester, Michael Wendeberg, L’Instant Donné, Wilhelm Latchoumia (Klavier), Aurélien Azan-Zielinski, Klangforum Wien, Enno Poppe, Münchner Kammerorchester, Clemens Schuldt

KAIROS 0018004 KAI (2018, 2019)

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