29. Januar 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Christopher Gunning

Christopher Gunning
Christopher Gunning

Dass die Grenzen zwischen den Genres fließend geworden sind, liegt in der Natur einer sich nicht mehr abgrenzenden Ästhetik, die längst die Postmoderne hinter sich gelassen hat. Doch sind die Werke der Grenzgänger wirklich so attraktiv, wie man es sich wünscht? Schon in den 1980er Jahren stolperte Andrew Lloyd-Webber mit seinem persönlich inspirierten Requiem; zudem scheint sich der Abstand zwischen Film-Score und Konzert-Partitur in den letzten Jahrzehnten eher vergrößert zu haben – und dies, obwohl sich ein gewisses «easy listening» breit macht. Kurios: während so manches mehrteilige Kino-Epos musikalisch durch Leitmotivik à la Wagner zusammengehalten und psychologisch vertieft wird, mutet bei hybrid agierenden Komponisten vieles aus dem Bereich der «Concert Music» seltsam blass an. Offenbar ist es einfacher, tradierte Verfahren oder auch komplexere Strukturen auf eine kommentierende Funktion herunterzubrechen als diese unabhängig und aus sich heraus zu gestalten.

Auch die hier eingespielten Sinfonien von Christopher Gunning (geb. 1944) leiden letztlich an diesem Platz zwischen den Stühlen. Zu hören ist sauber gestaltendes Handwerk, gepaart mit einem cinematoskopischen Sound, der einen unmittelbar mit auf die Reise nimmt – nur dass er ständig assoziativ Szenen und Bilder aus längt gesehenen Geschichten wachruft. Fast scheint es daher so, als könne sich Gunning in seiner betont gestischen Musik nicht vom «Erzählen» lossagen – selbst ohne ein konkretes Drehbuch. Doch auch die Night Voyage, eine Art Stimmungsbild am englischen Mersey River, zieht nicht an einem vorüber, ohne dass Momente aus Sacre und Petruschka aufblitzen. Gunnings Sinfonien Nr. 8–11 (2015–2017) warten jedenfalls noch auf ihre Uraufführung, die Nr. 2 (2002) wurde zurückgezogen.


Christopher Gunning: Symphony No. 6 (2010), Night Voyage (2012), Symphony No. 7 (2011)
Royal Philharmonic Orchestra, Christopher Gunning

Signum SIGCD 655 (2014)

 

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Teil 2 von 5 in Michael Kubes HörBar #037 – Klanggestalten