26. Oktober 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Beethoven 1–9 / Liszt

Teil 5 von 5 in Michael Kubes HörBar #029 – Sinfonien am Klavier
Beethoven 1–9 / Liszt
Beethoven 1–9 / Liszt

Sie sind ein Markstein in der Geschichte der Klaviermusik und dennoch selten im Konzert zu hören. Denn warum sollte man die Transkription einer Beethoven-Sinfonie aufs Programm setzen, wenn doch die meisten der neun Kompositionen regelmäßig im Orchester-Original erklingen? Franz Liszt hatte die von ihm erstellten «Partitions de Piano» freilich zu einer Zeit erstellt, in der nicht in jeder größeren Stadt ein Orchester zur Verfügung stand und es somit kaum Möglichkeiten der klanglichen Reproduktion gab. Zugleich war es sein Anspruch, möglichst nah am Original zu bleiben – am Ende freilich eine Herausforderung auf der Klaviatur. Dies gilt auch noch im 20./21. Jahrhundert.

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Längst hat man den Wert dieser Transkriptionen (wieder-)erkannt, und doch stellt sich die Frage, ob der zu betreibende Aufwand wirklich lohnt. Dies zeigt auch ein Blick in die Diskographie, die erst sehr spät Gesamteinspielungen verzeichnet: İdil Biret (EMI, 1985/86), Cyprien Katsaris (Teldec, 1981–1989), Leslie Howard (Hyperion, 1990/92), Konstantin Scherbakov (Naxos, 1998–2004) und schließlich Yury Martynov (Alpha, 2011–2015 auf einem historischen Erard-Flügel).

Zum Beethoven-Jahr 2020 hat sich auch Hinrich Alpers dieser Mammut-Aufgabe angenommen – mit einem sehr hörenswerten Ergebnis. Mit stupender Virtuosität lässt er die zu bewältigenden technischen Schwierigkeiten nur erahnen, mit gestalterischer Sicherheit wandelt er auf dem schmalen Grat zwischen eingeschmolzenem sinfonischem Klang und genuiner Deutung. Dies zeigt sich eindrucksvoll in der «Eroica», die alles andere als schwer daherkommt, sondern mit Charme umgesetzt wird: dynamisch nicht überzeichnet, klug gestaltet und sauber phrasiert. So klingt sie tatsächlich nach einem Original, dem man die vorangegangene «Übersetzung» kaum anmerkt.

Dass die Neunte am Ende andere Anforderungen stellt, war bereits Liszt bewusst, der das Finale zunächst unbearbeitet lassen wollte, dann aber (auch zu seiner Entlastung) den Singtext in die Noten drucken ließ. Alpers geht diesen Weg einen halben Schritt vor und zurück: Für seine Interpretation wurden ein Solistenquartett und der RIAS Kammerchor hinzugezogen, zugleich Stimmverdopplungen im Klavierpart gestrichen. Ein interessanter Schachzug, denn er gibt allen Beteiligten Freiheit in der Gestaltung: pianistisch, aber eben auch vokal, wenn die Singstimmen sich nicht gegen das volle Orchester zu stemmen haben. So gelöste «Freude» begegnet nur selten.


Ludwig van Beethoven: Sinfonien Nr. 1–9 in den Klaviertranskriptionen von Franz Liszt
Hinrich Alpers (Klavier), Christina Landshamer (Sopran), Daniela Denschlag (Alt), André Khamasmie (Tenor), Hanno-Müller-Brachmann (Bass), RIAS Kammerchor, Justin Doyle

Sony 19439789372 (2019, 2020)

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