17. September 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Berlin! Berlin! Berlin!

Berlin! Berlin! Berlin!
Berlin! Berlin! Berlin!
Ein Album, das auf den ersten und zweiten Blick verstört. Denn wo man hierzulande um jede Stimme kämpft (es sind ja eigentlich sogar die Menschen selbst, die man vor größerem Unglück bewahren möchte), wird mit dem Cover in Gestaltung, Farbe und Schrift an eine reichlich dunkle Zeit erinnert. Und ja: Viele der hier eingespielten Schlager von einst stehen (wie der Untertitel es sagt) für ein Leben zwischen Kabarett und Exil – aber eben auch für das Glück jener, die flohen und überlebten. Dramaturgisch ist es eine Art Niemandsland (bestenfalls) – immerhin steht am Anfang der Schlager «Mein Gorilla hat ’ne Villa im Zoo» von Walter Jurmann aus dem Jahre 1933. Er stammt aus dem (verschollenen) Film Heut kommt’s drauf an.

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Doch auch Anne Sofie von Otter kann als Chansonière nicht überzeugen. Ein Beispiel ist der Filmschlager „Heut’ Abend lad’ ich mir die Liebe ein” aus dem Jahr 1939 von Nico Dostal, der auf der Liste der „Gottbegnadeten” stand. (War da nicht was mit Kabarett, gar Exil?). In der Neueinspielung wird eher der Duktus eines Chansons aus dieser Zeit imitiert als eigenständig interpretiert. Man ahnt es schon beim ersten Ton: Es soll in die Richtung von Marlene Dietrich und vor allem Zarah Leander gehen, doch das Ansinnen wird zur unauthentischen Marotte. In einer Zeit, in der man rasch das «Original» sich heraussuchen kann, möchte ich dann doch mehr Eigenständigkeit, mehr Authentizität und mehr Gegenwart hören statt eine Verklärung der Vergangenheit. Da machen die Eisler- und Weill-Songs keinen Unterschied. Auch das Salon-Ensemble des Orchesters der Komischen Oper Berlin klingt im Vergleich zu den Kollegen aus früheren Zeiten spröde und wie an ein strenges preußisches Metronom gebunden. Mich lässt das bei aller Vorfreude vollkommen ratlos zurück.

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Anne Sofie von Otter. Berlin! Berlin! Berlin! (Kabarett und Exil)
Nico Dostal. «Heut‘ Abend lad‘ ich mir die Liebe ein»; Friedrich Hollaender. Illusions; «Keiner weiß, wie ich bin, nur Du»; Michael Jary. Der Onkel Jonathan; Oui, Madame; Günter Neumann. »Ach, wie schön, man singt immer tiefer»; Rolf Marbot. Vorbei; Hanns Eisler. Über den Selbstmord; An den kleinen Radioapparat; Das «Vielleicht»-Lied; Kurt Weill. Marterl; Lothar Brühne. «Kann den Liebe Sünde sein»; «Der Wind hat mir ein Lied erzählt»; Peter Kreuder. «Musik! Musik! Musik!»; Peter Fenyes. «Merci, mon ami, es war wunderschön»; Franz S. Brunier. Marion-Tango; Mischa Spoliansky. «Leben ohne Liebe kannst du nicht»

BIS Records BIS-2827 (2025)

HörBar #194 – Berliner Luft

Paul Lincke – Berliner Luft

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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