10. September 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Berlin Stories – Trio Gaspard

Berlin Stories – Trio Gaspard
Berlin Stories – Trio Gaspard
Der heiße Sommer, in dem man eher im Grünen nach Abkühlung suchte (wie auch die vorausgehende Folge #193 der Hörbar), neigt sich gerade mit großen Schritten dem Ende zu. Da rücken mit Beginn der musikalischen Saison auch wieder die Metropolen in den Fokus – aktuell wie auch sonst dieser Tage: Berlin. Drei Opern und zwei Konzerthäuser und ein Kammermusiksaal sowie zahlreiche weitere Orte, die oft genug in Konkurrenz zueinander stehen, statt sich ausgewogen zu koordinieren. Früher gab es noch mehr Musik und vor allem musikalische Berichterstattung. Die aber ist rar geworden. Davon erzählt das Album Berlin Stories allerdings wenig, genauso wenig wie über Berlin selbst.

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Natürlich sind die hier versammelten Namen eng mit der Stadt verbunden: Felix Mendelssohn Bartholdy durch das elterliche Palais an der Leipziger Straße und die Sonntagsmusiken, Paul Juon (1872–1940) auf seiner Lebensreise von Russland in die Schweiz und Nikos Skalkottas (1904–1949), der mehrere Jahre lang Student in der Klasse von Arnold Schönberg an der Akademie der Künste war. Schaut man bei den drei Werken für Klaviertrio jedoch genauer hin, bekommt das Motto der Produktion deutliche Risse. Mendelssohn komponierte sein zweites Klaviertrio in Frankfurt, Juons Litaniae basiert auf einer Erinnerung aus der Münchner Frauenkirche, und Skalkottas schrieb seine Variationen einige Jahre nach seiner Rückkehr nach Griechenland in Athen. Ja, Berliner Geschichten kann man überall erzählen (auch die Aufnahme entstand in Dunwich, Suffolk). – Am Ende geht es um die Werke selbst und ihre Interpretation. Und hier spart das Trio Gaspard nicht an sattem Sound und bedeutungsschwangerer Attitüde. Das funktioniert vorzüglich bei Juon, selbst bei Skalkottas (allerdings auf Kosten der strukturellen Klarheit). Auch Mendelssohns Trio entwickelt bei einem derart «verfetteten» Zugriff einen gewissen Reiz (oder: es hält ihn zumindest aus) – obwohl das Werk auf diese Weise viel von seinem geheimnisvollen Ton einbüßt. Selbst das kraftvoll agierende Trio Opus 8 näherte sich der Partitur einst mit mehr narrativer Gestik.

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Felix Mendelssohn Bartholdy. Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 66 (1845); Paul Juon. Litaniae op. 70 (1918/27); Nikos Skalkottas. Acht Variationen über ein griechisches Volksthema (1938)
Trio Gaspard

Chandos CHAN 20271 (2022)

HörBar #194 – Berliner Luft

CPE Bach – Berlin Symphonies

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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This entry is part 1 of 2 in the series HörBar #194 – Berliner Luft

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