
Natürlich sind die hier versammelten Namen eng mit der Stadt verbunden: Felix Mendelssohn Bartholdy durch das elterliche Palais an der Leipziger Straße und die Sonntagsmusiken, Paul Juon (1872–1940) auf seiner Lebensreise von Russland in die Schweiz und Nikos Skalkottas (1904–1949), der mehrere Jahre lang Student in der Klasse von Arnold Schönberg an der Akademie der Künste war. Schaut man bei den drei Werken für Klaviertrio jedoch genauer hin, bekommt das Motto der Produktion deutliche Risse. Mendelssohn komponierte sein zweites Klaviertrio in Frankfurt, Juons Litaniae basiert auf einer Erinnerung aus der Münchner Frauenkirche, und Skalkottas schrieb seine Variationen einige Jahre nach seiner Rückkehr nach Griechenland in Athen. Ja, Berliner Geschichten kann man überall erzählen (auch die Aufnahme entstand in Dunwich, Suffolk). – Am Ende geht es um die Werke selbst und ihre Interpretation. Und hier spart das Trio Gaspard nicht an sattem Sound und bedeutungsschwangerer Attitüde. Das funktioniert vorzüglich bei Juon, selbst bei Skalkottas (allerdings auf Kosten der strukturellen Klarheit). Auch Mendelssohns Trio entwickelt bei einem derart «verfetteten» Zugriff einen gewissen Reiz (oder: es hält ihn zumindest aus) – obwohl das Werk auf diese Weise viel von seinem geheimnisvollen Ton einbüßt. Selbst das kraftvoll agierende Trio Opus 8 näherte sich der Partitur einst mit mehr narrativer Gestik.
Felix Mendelssohn Bartholdy. Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 66 (1845); Paul Juon. Litaniae op. 70 (1918/27); Nikos Skalkottas. Acht Variationen über ein griechisches Volksthema (1938)
Trio Gaspard
Chandos CHAN 20271 (2022)
