
Fraglich dürfte wohl auch sein, ob das Cover zu den hier eingespielten, zwischen 1972 und 1986 entstanden Werken passt. Sie stammen von Tālivaldis Ķeniņš (1919–2008), einem der bedeutendsten in Lettland geborenen Komponisten, der nach dem Zweiten Weltkrieg bald von Paris aus nach Kanada emigrierte (1951). Von dort aus hielt er mit vielen weiteren, über die Welt vertreuten Exilanten die lettische Kultur in Erinnerung und am Leben – und doch wurde er ein Komponist der «Neuen Welt», der sich entschiedener Positionen versagte. So auch bei seinen Sinfonien: «In meiner Musik kann der Zuhörer hören, was er will: sei es die Natur mit ihren unendlichen Veränderungen und ihrer Herrschaft über uns; meine persönlichen Empfindungen von Frieden in meiner Seele oder existenzielle Angst, die Launen des menschlichen Schicksals oder schließlich das tragische Schicksal, der Unruhe und der Schwierigkeiten unserer Nation. Der kreative Prozess kann niemals vollständig definiert oder erklärt werden.» Und so darf man sich vollkommen frei durch die vielfach kammermusikalisch instrumentierten Partituren hören – und lernt Ķeniņš doch als einen Meister des Kontrapunkts kennen, der mit seiner Musik nie «Avantgarde» war. Den tiefsten Eindruck dieses Albums hinterlässt die Canzona Sonata – ein großer elegischer Gesang, der Viola auf den Leib geschrieben.
Tālivaldis Ķeniņš. Sinfonie Nr. 4 (1972), Sinfonie Nr. 6 (1978) «Sinfonia ad Fugam»; Canzona Sonata (1986) für Viola und Streichorchester
Santa Vižine (Viola), Latvian National Symphony Orchestra, Guntis Kuzma
Ondine ODE 1354-2
