6. August 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Tālivaldis Ķeniņš – Sinfonien

Tālivaldis Ķeniņš – Sinfonien
Tālivaldis Ķeniņš – Sinfonien
Das Cover ist eine Sommerpoesie aus dem Baltikum. Das Gemälde stammt von dem lettischen Maler Aleksandrs Romans (1878–1911), der für seine förmliche Ausbildung allerdings die Akademie in St. Petersburg besuchen musste. Nach einigen freischaffenden Jahren kehrte er 1910 in seine Heimatstadt Jelgava (Mitau) zurück. Dort leitete er eine Kunstschule für junge Mädchen und verstarb mit einem im Vergleich nur überschaubaren Œuvre viel zu früh. Aus dem Jahr 1910 stammt auch das Bild Ainava ar jātnieku (Landschaft mit Reiter), das heute im Lettischen Nationalen Kunstmuseum (Riga) zu sehen ist. Man muss nicht vor Ort gewesen sein, um zu erkennen, dass auf dem Cover («natürlich», möchte man sagen) nur ein Ausschnitt zu sehen ist – und dies auch noch unglücklich beschnitten, so dass die im Abendlicht leuchtende alte Burg im linken Hintergrund ebenso abgeschnitten wird wie ein Stück des sich aufwärts schlängelnden Weges (vier weitere Bäume und ein Teil des Vordergrunds fehlen ganz).

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Fraglich dürfte wohl auch sein, ob das Cover zu den hier eingespielten, zwischen 1972 und 1986 entstanden Werken passt. Sie stammen von Tālivaldis Ķeniņš (1919–2008), einem der bedeutendsten in Lettland geborenen Komponisten, der nach dem Zweiten Weltkrieg bald von Paris aus nach Kanada emigrierte (1951). Von dort aus hielt er mit vielen weiteren, über die Welt vertreuten Exilanten die lettische Kultur in Erinnerung und am Leben – und doch wurde er ein Komponist der «Neuen Welt», der sich entschiedener Positionen versagte. So auch bei seinen Sinfonien: «In meiner Musik kann der Zuhörer hören, was er will: sei es die Natur mit ihren unendlichen Veränderungen und ihrer Herrschaft über uns; meine persönlichen Empfindungen von Frieden in meiner Seele oder existenzielle Angst, die Launen des menschlichen Schicksals oder schließlich das tragische Schicksal, der Unruhe und der Schwierigkeiten unserer Nation. Der kreative Prozess kann niemals vollständig definiert oder erklärt werden.» Und so darf man sich vollkommen frei durch die vielfach kammermusikalisch instrumentierten Partituren hören – und lernt Ķeniņš doch als einen Meister des Kontrapunkts kennen, der mit seiner Musik nie «Avantgarde» war. Den tiefsten Eindruck dieses Albums hinterlässt die Canzona Sonata – ein großer elegischer Gesang, der Viola auf den Leib geschrieben.

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Tālivaldis Ķeniņš. Sinfonie Nr. 4 (1972), Sinfonie Nr. 6 (1978) «Sinfonia ad Fugam»; Canzona Sonata (1986) für Viola und Streichorchester
Santa Vižine (Viola), Latvian National Symphony Orchestra, Guntis Kuzma

Ondine ODE 1354-2

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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