
Paul Hindemith ist Anlass und Gegenstand dieses Albums von Schmid’s Huhn mit den Musikern Stefan Karl Schmid, Leonard Huhn, Stefan Schönegg und Fabian Arends. So jedenfalls steht es auf dem Informationszettel zu «Hindemith Abstractions». Da heißt es, die Band richte «den Fokus auf Paul Hindemith und dessen ‹Des kleinen Elektromusikers Lieblinge› für drei Trautonien. Die daraus entwickelte Suite ‹The Little Jazz Musicians Favorites› begreift Hindemiths Material als Ausgangspunkt für eine entschlossene Transformation: melodische Zellen, Intervallik und Formdenken werden zerlegt, verdichtet und neu geformt.»
Die Komposition Hindemiths, 1930 entstanden, für drei Trautonien, besteht aus sieben Teilen, die von schönster Klarheit in Melos und Rhythmus geprägt sind, voll dreistimmig, teilweise deutlich kurz (Nr. 2 hat nur 13 Takte). Aius den Lieblingen des Elektromusikers werden auf diesem Album dann Lieblinge des Jazzmusikers. Die Titel der Suite heißen: «Form, Free, Vamp, Pedal». Soweit zu den erklärbaren Fakten.
Hört man sich das alles ganz unbedarft an, verschwindet Hindemiths Komposition komplett in der Suite. Mit einem Schlagwort aus den 70er-Jahren, was superklug klingen würde, spräche man hier von einer «Dekonstruktion» – womit man normalerweise erklären kann, dass man nicht verstehen kann und muss, was hier passiert. Ich würde sagen, man kommt ganz gut ohne den Bezug weiter. Vor allem, wenn es auf den zweiten Teil des Albums zugeht, mit den fünf «Reflections on Hindemith»: Thirds, Affinity, Spinning, Chase und Syntony. Diese Teile seien komplett frei improvisiert, liest man, im Geiste der musikalischen Poetik Paul Hindemiths.
Ja! Nein! Was hilfts? Hauptsache «abstrakt» und das meine ich gerne im Sinne Adornos, der in seiner Glosse «Abstrakt oder konkav?» von 1932 – also aus der Zeit, als auch Hindemiths Komposition entstanden ist:
«Daß ein Kunstwerk schlecht abstrakt ist, wenn es nicht bei sich selber zur einmaligen und verbindlichen Gestalt gedieh; daß abstrakte Gegenstände nicht mit abstrakter Gestaltung zusammenfallen; daß die Tendenzen, die seit Kandinsky unter dem Namen der abstrakten Malerei zusammengefaßt werden, abstrakt nur insoweit sind, als sie von vorgegebenen Gegenständen absehen; als künstlerische Gestaltungen aber dem gleichen Maßstab der ›Konkretion‹ unterliegen wie jede Kunst.»
Quelle: Band 20: Vermischte Schriften I/II: Abstrakt oder konkav?. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 17902 (vgl. GS 20.2, S. 522)
Das Abstahieren wird hier, Adorno umgelegt, zur einmaligen und verbindlichen Gestalt. Dafür braucht es keine langen improvisatorischen Entwicklungsbögen, sondern das gerinnt Kraft jahrelangen Ensemblespiels in wenigen Atemzügen. Verbindliche Improvisationen sind das Ergebnis – natürlich spielen im Intervall von Terzen flatternde Huhn-Triller bei den Thirds eine Rolle und bilden einen Bogen zurück zu den entsprechenden Intervall-Trillern in «Vamp», die in einer Zweistimmigkeit gegen Ende so ganz eigener Schönheit im Musikfluss wohllautend erschüttern.
Das Ganze steht aber auf einer selbständigen ästhetischen Stufe und ist emphatisch improvisierte Musik in einem Quartett, das sich seine Garagen-Dschungeligkeit klingend auf dem Dickkopf Hindemiths tranzendend-tanzend bewahrt hat.
Stefan Karl Schmid – Hindemith Abstractions [2026]
- Stefan Karl Schmid – tenor sax, clarinet
- Leonhard Huhn – alto sax, clarinet
- Stefan Schönegg – bass
- Fabian Arends – drums
musichub – Bandcamp – CD, Download, Streaming (VÖ 19. Juni 2026)
Background – Hindemiths Orginale
Hier eine Originalaufnahme der Stücke 4 und 2 aus dem Deutschen Rundfunkarchiv (auf YouTube). Die, wie man hören kann, ganz zum Schluss, eine faszinierende Klangfarbenwirkung bewirkt.
Ferner gibt es eine Einspielung mit dem clair-obscur-saxophon-quartett. Muss man etwas hinunterscrollen.
Und eine Partitur zum Mitlesen findet sich bei IMSLP. Schott hat 1997 Umschriften für Bläser- und ein Streichtrio veröffentlicht. Giselher Schubert schreibt dazu im Vorwort:
Die hier erstmals veröffentlichten Stücke schrieb Hindemith für das Musikfest „Neue Musik Berlin 1930“, auf dem das Trautonium am 20. Juni 1930 während eines der „elektrischen Musik“ gewidmeten Konzertes erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Hindemith hat diese Stücke zwar nicht publiziert, aber er hat wenig später, wohl 1934, aus dem Mittelteil der Nr. 6 ein Thema in seine Oper Mathis der Maler (IV. Bild, bei Ziffer 43) übernommen.
Quelle: Schott-Shop
Die Handschrift der Komposition von Paul Hindemith ist gleichwohl für mein Gefühl so gut lesbar und optisch deutlich freundlicher und menschlicher als der digitale Notensatz.
