
Seine fünf Klaviersonaten, die zwischen 1936 und 1950 entstanden, bilden in diesem Sinne einen seltsam anachronistischen Zyklus – ob sie je in jener Zeit überhaupt aufgeführt wurden, ist zu bezweifeln; sie dokumentieren aber auch Winterbergs eigene pianistische Fertigkeiten. Ob sie aber auch einen inneren Zyklus darstellen (wie dies Jonathan Powell im Booklet postuliert wird)? Mir persönlich erscheint das allein nach äußerlichen Merkmalen, ohne einen klar definierten Katalog verifizierbarer Kriterien nicht zwingend – zumal sie eine Musik überhöht, zu der man erst noch einen Zugang finden muss. Was aber verblüfft: Trotz der «Zeitenwende» (wie eine) spiegeln sich die biographischen wie politischen Ereignisse in der Musik nicht wider (jedenfalls nicht so hörbar, wie man es sich vorstellt). Dass die letzte Sonate von 1950 melodischer, entspannter und ruhiger wirkt – es muss keine Bedeutung haben. Eher schließt das Werk im Finale mit einer gewissen inneren Retrospektive die aus dem 19. Jahrhundert stammende Gattung ab. Jonathan Powell versteht sich als versiert «sprechender» Anwalt der Werke, von denen hier die letzten drei in Ersteinspielung vorgestellt werden. Klang und Stil haben eine unverkennbare Farbe.
Hans Winterberg. Klaviersonate Nr. 1 (1936); Klaviersonate Nr. 2 (1941); Klaviersonate Nr. 3 (1947); Klaviersonate Nr. 4 (1948); Klaviersonate Nr. 5 (1950)
Jonathan Powell (Klavier)
EDA 054 (2024)
