Hans Winterberg – KlaviersonatenEr gehört zu den ungehörten Komponisten des 20. Jahrhunderts – und wird erst seit kurzem mit seinem bedeutenden Œuvre entdeckt. Hans Winterberg (1901–1991) gehört zu jenen, die sich nicht einfach verorten lassen. Und vielleicht war das auch der Grund, warum es um ihn still geblieben ist. Andererseits fordert einen seine Musik, denn sie fasst bei dem in Prag geborenen vieles aus West und Ost zusammen – irgendwo zwischen Paris und Prag, dem Kreis um Schönberg und Zemlinsky sowie einer tiefer sitzenden eigenen Melancholie. Alles Zutaten, die weder auf der breiten Straße liegen, noch die breite Straße öffnen. Winterberg ist gleichwohl eine der starken und vor allem: eigenständigen Stimmen aus der Zeit, die erst suchte, dann verstummte und sich schließlich vielfach im Zeichen des Fortschritts in eine Sackgasse komponierte.
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Seine fünf Klaviersonaten, die zwischen 1936 und 1950 entstanden, bilden in diesem Sinne einen seltsam anachronistischen Zyklus – ob sie je in jener Zeit überhaupt aufgeführt wurden, ist zu bezweifeln; sie dokumentieren aber auch Winterbergs eigene pianistische Fertigkeiten. Ob sie aber auch einen inneren Zyklus darstellen (wie dies Jonathan Powell im Booklet postuliert wird)? Mir persönlich erscheint das allein nach äußerlichen Merkmalen, ohne einen klar definierten Katalog verifizierbarer Kriterien nicht zwingend – zumal sie eine Musik überhöht, zu der man erst noch einen Zugang finden muss. Was aber verblüfft: Trotz der «Zeitenwende» (wie eine) spiegeln sich die biographischen wie politischen Ereignisse in der Musik nicht wider (jedenfalls nicht so hörbar, wie man es sich vorstellt). Dass die letzte Sonate von 1950 melodischer, entspannter und ruhiger wirkt – es muss keine Bedeutung haben. Eher schließt das Werk im Finale mit einer gewissen inneren Retrospektive die aus dem 19. Jahrhundert stammende Gattung ab. Jonathan Powell versteht sich als versiert «sprechender» Anwalt der Werke, von denen hier die letzten drei in Ersteinspielung vorgestellt werden. Klang und Stil haben eine unverkennbare Farbe.
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Hans Winterberg. Klaviersonate Nr. 1 (1936); Klaviersonate Nr. 2 (1941); Klaviersonate Nr. 3 (1947); Klaviersonate Nr. 4 (1948); Klaviersonate Nr. 5 (1950)
Jonathan Powell (Klavier) EDA 054 (2024)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.