3. Juni 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Art Ensemble Of Chicago – people in sorrow

Art Ensemble Of Chicago – people in sorrow
Art Ensemble Of Chicago – people in sorrow

Es gibt tatsächlich Musik, die gar nicht zu altern scheint. Im Gegenteil, die ein Glück ihrer Präsenz feiert. Bei «people in sorrow» ist das der Fall. 1969 wurde das Album in Frankreich bei Pathé Marconi aufgenommen und verlegt. Es zeigt das Ensemble aus Chicago bei ihrer unvergleichlichen Art, Klangfarben und Spielattitüden in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen, es ist der Moment, wo, man es vereinfacht sagen wollte, Free Jazz zu freien Improvisation wird. Anders aber als bei der zeitgenössischen Musik der Zeit mit ihren Improvisationsensembles, verbunden mit einer erdigen Energie aus Lebensgeschichte und Zeiterfahrung.

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Anders als bei den anderen Ensembles im Bereich dessen, was man mit Free Jazz assoziiert, werden hier ganze durchimprovisierte Klangräume entwickelt. Als das Ensemble von den USA nach Frankreich übersetzte, so gibt es Ekkehard Jost in seinem Buch Free Jazz wieder, beobachtete die Jazz-Journalistin Gudrun Endress, dass die Musiker annähernd 500 Instrumente dabei hatten, die die Musiker auch bedienten, wie sie es für geboten hielten, die bei der Listung der Instrumente der spielenden Musiker schlicht unter «Percussion» firmieren.

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Die souveräne Meisterschaft im Umgang mit erklingender Musik hört man mit einer glückseligmachenden Faszination, wenn Lester Bowie einzelne Töne auf der Trompete artikuliert, vollgesogen sind in ihrer Gradlinigkeit. Es ist mir schleierhaft, wie man diese Substanzialität erzeugen kann. Das ist nicht Technik, die es auch ist, sondern – es ist absurd vielleicht, dies so zu nennen – vollbeseelt.

Ein paar Wunder des Albums:

  • Wie das mikrotonal sich äußert in Part 2, was ja nur die andere Seite der Schallplatte hier bezeichnet, zwischen dem Fagott von Joseph Jarman und Lester Bowie an der Trompete eine Unschärfe legt in diese zentrale musikalisch-melodische Grundidee.
  • Wie dann mit dem Wuselbass von Malachi Favors korrespondiert, während aus dem Schlagwerk-Instrumentation Glitzer gezaubert wird.
  • Wie dann alles in eine fast orgiastische Steigerung über viele Minuten mit lauter Ruhedellen gebogen wird, die voller Energie zum Ausdruck von musikalischer Freiheit expandiert.

Das alles ist jetzt wieder in einer Kleinauflage verfügbar. Neu remastert von Moritz Illner. Tatsächlich ein Meilenstein der Musikgeschichte des letzten Jahrhunderts, der auch heute nur bewundert werden kann.


Art Ensemble Of Chicago – people in sorrow [1969/2026]

  • Malachi Favors: Bass, Zither, Percussion
  • Roscoe Mitchell: Soprano Saxophone, Alto Saxophone, Bass Saxophone, Clarinet, Flute, Percussion
  • Joseph Jarman: Alto Saxophone, Bassoon, Oboe, Flute, Percussion
  • Lester Bowie: Trumpet, Flugelhorn, Percussion
  • Recorded By Pathé Marconi in Boulogne, France on July 7, 1969

play loud! Productions – pl-195 (VÖ: 08.05.2026 – Vinyl und CD – Kein Downlod oder Streaming. Auflage: 500) – The vinyl LP includes an inlay with detailed liner notes, while the CD Digipak comes with a 12-page booklet containing the same material. The album has been newly remastered from the original tapes by Moritz Illner (duophonic), who also handled play loud!’s acclaimed reissue of the Art Ensemble of Chicago’s Les Stances à Sophie.

Autor

  • Martin Hufner. Foto: Kurt Hufner

    Martin Hufner ist Musikjournalist, Musikwissenschaftler, Blogger. Er betreut nebenbei die Online-Redaktion der neuen musikzeitung.

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hoerbar_nmz

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