Enno Poppe – Fleisch / ProzessionDass «zeitgenössische» Musik immer auch zurückschaut, aufgreift und weiterdenkt, sollte jedem klar und verständlich sein. Selbst dort, wo dies nicht explizit geschieht, ist es eher als eine Reaktion auf «etwas» zu erklären (wie etwa der Serialismus der Nachkriegszeit). Bach setzte sich mit dem «stile antico» auseinander, Mozart wiederum mit den Fugen Bachs, Max Reger mit beiden. Die Musik und ihre Geschichte lebt geradezu von diesen Bezügen und aktuellen kreativen Anverwandlungen. Auch bei Enno Poppe (*1969) lässt sich diese aufdrängende Konstruktion zwanglos weiterdenken: Seine Komposition Fleisch (2017) knüpft mit der Satzfolge «schnell – langsam – schnell» knüpft an das alte Concerto an, in der Gestik und der gewählten Besetzung mit Tenor-Saxophon, E-Gitarre, Synthesizer und Drumset aber an die 1970er Jahre.
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Das Werk lebt von seiner Dichte unterschiedlicher Splitter und Kombinationen – am Ende auch von den rhythmisch genutzten tieffrequenten Klängen. Stilistisch ziehen Gestik und Spielweisen des Jazz und des Pop ein, bei der E-Gitarre war Jimi Hendrix ein Vorbild. Mit seinen ständigen Wechseln und der kammermusikalisch dichten Einspielung drängt sich das Werk geradezu auf – anders als Prozession (2015/20), das schon wegen der Ensemblegröße eine andere Räumlichkeit fordert. Es handelt sich um den dritten Teil eines auf fünf Teile angelegten Zyklus von Kompositionen, die für die bedeutendsten Ensembles für Neue Musik bestimmt sind – so unterschiedlich in der Konzeption und Realisierung wie die Musiker:innen in den Klangkörpern. Prozession (ein Auftragswerk u.a. der Kunststiftung NRW und des Ensembles Musikfabrik) basiert auf einer zugrunde liegenden Matrix und einer formalen Anlage in 9 x 9 Abschnitten mit klar implementierten Duo-Strukturen. Vier Schlagwerker rahmen das Ensemble, und zwei alte Korg-Synthesizer verleihen dem Werk einen sehr spezifischen Charakter – bis zum Schluss.
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.