5. Dezember 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Franck 200 / Tanguy de Williencourt

Franck 200 / Tanguy de Williencourt
Franck 200 / Tanguy de Williencourt
Oft genug wird die Werkzusammenstellung eines Albums von äußeren Vorgaben bestimmt. Dabei spielte früher (und spielt offenbar auch noch heute) die Frage der Auffindbarkeit eine große Rolle: Entweder werden bekannte Sinfonien und andere Orchesterwerke, Konzerte und Konzertstücke eingespielt. Oder es stehen gleich allein die Künstler und Ensembles im Rampenlicht mit (leider nur selten) kunstsinnigen oder (oft genug) bloß bunt zusammengestellten Recitals. Angesichts dieser merkwürdig anmutenden Vorgaben des Marktes erscheint das vorliegende Album mit Tanguy de Williencourt anders. Zwar stellt es eine Art Recital dar – der Pianist setzt in keinem einzigen der vier Werke aus –, und dennoch erscheint eine Koppelung von je zwei Partituren mit Orchester und zwei gewichtigen Solokompositionen für Klavier außergewöhnlich. Verbindendes Element ist dabei mit César Franck der Komponist, wobei ganz unterschiedliche stilistische Aspekte und satztechnische Bereiche abgeschritten werden.

Vor allem macht das Album in dieser Zusammenstellung deutlich, dass César Franck erst im Alter von 60+ zu seinen wirklich großen und bedeutenden Kompositionen ansetzte. Dazu zählen die hier eingespielte sinfonische Dichtung Les Djinns für Klavier und Orchester und Prélude, Choral et Fugue (beide von 1884), die Variations Symphoniques für Klavier und Orchester fis-Moll (1885) und Prélude, Aria et Final (1887); hinzuzuzählen wären darüber hinaus die Violinsonate A-Dur (1886), die Sinfonie d-Moll (1888) und das Streichquartett D-Dur (1889). Diesem Anspruch wird die aktuelle Produktion des französischen Labels Mirare nicht nur gerecht, sondern sie setzt auch Maßstäbe. Dies gilt in erster Linie für Tanguy de Williencourt, der ganz offenkundig mit diesem Album gereifte Interpretationen in fulminanter Technik wie gestalterischer Freiheit entfaltet – von extrem dunklen Stimmungen bis hin zu hellem Glitzern, von der einfachen, intensiven Linie bis hin zu virtuosen Herausforderungen. Es bedarf da gar nicht der persönlichen Erläuterungen im Booklet, um hörend zu begreifen, dass hier ein bekennender «Überzeugungstäter» an den Tasten sitzt und mit vorzüglicher Spielkultur ein wahres Füllhorn an Farben und Stimmungen ausschüttet. Doch auch das Flanders Symphony Orchestra aus Gent mit seiner Chefdirigentin Kristina Poska setzt eigene Akzente mit seinem wunderbar durchgehörten Part. Dieses Album ist mit seinen leisen Tönen ein spektakuläres Plädoyer für einen fast vergessenen Großen.

César Franck. Les Djinns für Klavier und Orchester; Prélude, Choral et Fugue; Variations Symphoniques für Klavier und Orchester fis-Moll; Prélude, Aria et Final
Tanguy de Williencourt (Klavier), Flanders Symphony Orchestra, Kristina Poska

Mirare MIR 598 (2021)

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Teil 3 von 5 in Michael Kubes HörBar #071 – César Franck 200

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