5. Dezember 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Gil Evans Orchestra 1986 live in der Fabrik Hamburg

Gil Evans Orchestra 1986 live in der Fabrik Hamburg
Gil Evans Orchestra 1986 live in der Fabrik Hamburg

Mit viel Spannung und Tamtam, samt medialen Brimboriums, wurde diese neue CD-Reihe mit Musik aus der Hamburger „Fabrik“ erwartet. Große Namen des Jazz sollten sich die Hand reichen. Man grub da aus, was fast als Sensation zu Ehren hat kommen sollen. In der ersten Veröffentlichung spielte das Gil Evans Orchestra über mehrere Stunden, und hier zwei CDs lang, ein Programm mit Hendrix-Schwerpunkt auf.

Die Hamburger Fabrik ist eine Institution wie es auch der NDR in der Ägide unter Michael Naura als Leiter der Jazzredaktion dies war. Zur Not hat man offenbar alles mitgeschnitten, was nicht vor sechs Uhr wieder im Flieger saß. So auch dieses sensationelle Konzert aus dem Jahr 1986. Aber!

Aber was? Nun, nach den ersten Klängen dieser Aufnahme stellte sich umgehend das Hörgefühl ein: Es wird schon seinen Grund gehabt haben, warum diese Aufnahme bislang nicht das Licht der Welt gesehen hat. Akustisch ist die Sache ziemlich undifferenziert abgemischt und wohl auch aufgefangen worden. Das sitzt nicht. Noch weniger aber sitzen die Aufnahmen als Ganze. Live wohl eine Wucht unter dem Einfluss entsprechender Mittel der Bewusstseinserweiterung, schrabbelt sich dieses Jazz Orchestra bestenfalls irgendwie durch. Längen und noch mehr Längen. Und: Noch mehr Längen. Das wirkt alles bisweilen wie eine leicht sich selbstgefallende Übung in Klangmassenkommunikation – wobei es mir schwerfällt, ob die Betonung auf Klangmassen oder Massenkommunikation zu legen ist.

Anfang der 80er Jahre klagte Ekkehard Jost ebenfalls im NDR bei der Betrachtung der 70er-Jahre sehr tiefgründig über die neue Phase der Aufnahmen-Ausgrabungen, die auf den Markt geworfen würden, obwohl deren ästhetische Legitimität vermutlich auch den Protagonisten eher missfallen hätte. Man kann sie meistens nicht mehr fragen, so auch hier. Gil Evans starb bereits 1988.

Bleibt also das historische Dokument als solches. Den Sammler oder die Sammlerin muss die Aufnahme nicht hinreißen; die Wissenschaftlerin oder den Wissenschaftler wird das notgedrungen etwas interessieren, aber wohl weniger unter musikalischen Aspekten als unter historischen der Stadtkultur der 80er Jahre in Deutschlands Norden. Hendrix hin, Hendrix her.

Der Verkaufstext jubelt natürlich, was anderes wäre auch irgendwie, vielleicht nur zu korrekt und würde der Aufnahme ihre Aura nehmen.

„Zu diesem Zeitpunkt ist seine Band ein All-Star-Ereignis von überbordender Meisterschaft mit Schlagzeuger Victor Lewis und der damals gerade auch von Miles Davis eingeladenen Perkussionistin Marilyn Mazur. Chris Hunter und Bill Evans waren an den Saxofonen, Pete Levin, Delmar Brown und natürlich Gil Evans selber an den Tasten. Und was sie alle miteinander spielen, viel von Jimi Hendrix vor allem, besitzt eine herausfordernde Unvorhersehbarkeit zwischen sehr freien Kollektiven und knapp hingeworfenen Themen.“

Übersetzt bedeuten die letzten Sentenzen: sie bekommen nix auf die Reihe, es ist alles schwer rhapsodisch und zufällig. Aber über allem schwebt das Damoklesschwert der ganz furchtbaren Abmischung, die auch zumindest die letzte Hoffnung lässt, dass es vor Ort doch einfach besser rüberkam. Es gibt solche Momente, doch sie sind selten!


Gil Evans Orchestra 1986 live in der Fabrik Hamburg

  • Lou Soloff, Shunzo Ono, Miles Evans (trumpets)
  • John Clark (French horn)
  • Dave Taylor (trombone)
  • Dave Bargeron (tuba, trombone)
  • Chris Hunter (alto sax)
  • Bill Evans (tenor)
  • Howard Johnson (baritone)
  • Gil Evans (piano)
  • Hiram Bullock (guitar)
  • Pete Levin (synthesizer)
  • Mark Egan (bass)
  • Victor Lewis (drums)
  • Marilyn Mazur (percussion)
  • Delmar Brown (vocals synthesizer)

Recorded Hamburg 1986 

NDR kultur, Jazzline classics, D 77101

 

 

 

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