Tālivaldis Ķeniņš – SinfonienAuch die Cover zu den CD-Einspielungen mit Musik von Tālivaldis Ķeniņš (1919–2008) folgen dem Lauf der Jahreszeiten – hier mit einem Ausschnitt aus dem gold-braunen Gemälde Autumn (ca. 1928) von Vilhelms Purvītis (1872–1945). In Lettland setzt der Herbst früher ein als in unseren Breiten – und die kalte Luft aus Nord und Ost entzieht der Natur rasch das letzte Grün. Alle drei baltischen Staaten haben trotz ihrer Größe im europäischen Kontext schon lange eine eigene Musikkultur mit herausragenden Komponisten ausgebildet, die es noch immer zu entdecken gilt. So auch Tālivaldis Ķeniņš, der freilich seine innere wie äußere Biographie nach der russischen Besetzung Lettlands im Jahre 1940 nach Paris und schließlich nach Kanada in die Neue Welt verlagerte.
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Dass das Idiom seiner Musik auch nach der Emigration noch immer «lettisch» erscheint, gehört zu den bemerkenswerten Entwicklungen der Neuen Musik – die einmal gehörte Vergangenheit lebt bei ihm in mehr oder weniger dichten Allusionen an die alte Heimat nach, zudem entwickelte sich ein sehr eigener, daraus gewonnener Stil. Das zeigen auch die hier eingespielten Sinfonien, die sich gar nicht in die «ismen» der damaligen Avantgarde einfügen lassen. Allein die 1967 mit drei konzertanten Holzbläsern besetzte, vielfach wie über einen Cantus firmus fantasierende Partitur, erscheint wie ein Anachronismus – und macht heute deutlich, wie vielfältig die Musik jenseits der ästhetischen Maximen in jenen Jahrzehnten wirklich war. Dass Tālivaldis Ķeniņš gehört werden sollte, zeigt sich in seinem souveränen (wenn auch etwas unkonventionellen) Umgang mit dem Orchester, mit dem er immer wieder zu langen Linien ansetzt – so wie man es von Allan Pettersson im sinfonischen Kontext noch konsequenter kennt. – Eine Frage taucht auf: Gibt es womöglich eine nordisch-baltische Alternative im sinfonischen Repertoire?
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Tālivaldis Ķeniņš. Sinfonie Nr. 2 «Sinfonia concertante» (1967); Sinfonie Nr. 3 (1970); Sinfonie Nr. 7 (1980) «Symphony in a from of a Passacaglia»
Latvian National Symphony Orchestra, Andris Poga Ondine 1401-2 (2021)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.