21. Oktober 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Josef Schelb

Josef Schelb
Josef Schelb
Sein Name war in Karlsruhe und Baden-Baden bekannt, inzwischen aber gehört Josef Schelb (1894-1977) zu den großen Unbekannten seiner Generation – einer Generation, die in doppelter Weise von den beiden Weltkriegen und den damit verbundenen Ab- und Aufbrüchen geprägt war. Schelb, der seit 1924 eine Professur für Klavier an der Musikhochschule Karlsruhe inne hatte, ging 1933 nicht ins Exil, biederte sich aber offenbar auch nicht an. Nach 1945 ging er einen eigenen Weg zwischen einem romantisch angehauchten Neoklassizismus und einer eigenen Lesart des Expressionismus. Seine Partituren teilen das Schicksal mit denen vieler anderer Komponisten, die zwischen Avantgarde und späterer Neoromantik zerrieben wurden. Entsprechend handelt es sich bei allen auf diesem Album präsentierten Werken um Ersteinspielungen.

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Auf einer Meta-Ebene betrachtet, handelt es sich durchwegs um Kompositionen, in denen eine ungehörte geschichtliche Alternative mitschwingt – von einem großen, keinesfalls nach außen virtuosen Klavierkonzert aus dem Jahre 1953 (über Stavenhagen war Schelb Enkelschüler von Liszt), über ein opulent besetztes Sinfonisches Vorspiel (1959), über eine mehrsätzige Suite aus Orchesterstücken einer nie aufgeführten Oper (sie wurde 1974 nach einem Intendantenwechsel kurzfristig vom projektierten Spielplan genommen) bis hin zu einem retrospektiven sinfonischen Satz (Movimento III, 1973), mit dem man über den Styx zu gleiten scheint. Sucht man nach passenden Adjektiven oder Adverbien für die Musik von Josef Schelb, gerät man rasch in Sackgassen. Zwar kann man die eine oder andere Wendung als spröde empfinden, dabei wird die Entwicklung der Musik nach 1945 nur konsequent mit tonalen Bezugspunkten antiromantisch weitergedacht. Es entsteht vielmehr der Eindruck von etwas anderem, das wir bisher nicht oder nur unzureichend kennen. Nicht allein auf Schelb bezogen, sondern auf eine ganze Generation deutscher Komponisten, die einen Weg abseits von Donaueschingen, Darmstadt oder Mirano gingen. – Die Einspielung überzeugt durch ihre ehrlichen und gut einstudierten Interpretationen. Kein wie so oft in solchen Konstellationen zu hörender schneller Schuss. Es wäre auch schade gewesen.

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Josef Schelb. Klavierkonzert (1953); Prelude symphonique für großes Orchester (1959); Falken-Suite (1968); Movimento III (1973)
Oliver Triendl (Klavier), Janáček Philharmonic Orchestra, Leo Siberski

hänssler classic HC 25024 (2025)

HörBar #195 – Sch… (diverse)

Johann Schop

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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