Jacob Mühlrad – Swedish Radio ChoirEin faszinierendes Album – sowohl was die Kompositionen als auch die interpretatorische Realisation angeht. Denn der Schwedische Rundfunkchor zählt nicht erst seit Eric Ericson zu den weltweit «besten» Vokalensembles – marktschreierische Kategorien, die ich aus Überzeugung großräumig meide, die aber in diesem Fall vollauf gerechtfertigt, wenn nicht sogar notwendig sind. Denn wie hier die fließenden Klänge von Jacob Mühlrad (*1991) umgesetzt werden, ist schlichtweg sensationell. Ein homogener Klang, der den ewigen Fluss der Stimmen durch die Zeit rinnen lässt, und eine Intonation, die schlichtweg punktgenau «sitzt». Anders als übrigens die im Internet beim Label aufrufbare Künstlerbiographie, die bis heute schlichtweg im Jahre 2020 endet. Eine Mahnung. Fast ein Fanal.
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Die hier eingesungenen Werke aus den 2010er Jahren tragen fast schon etwas Retrospektives in sich. Denn was ist alles ist seither geschehen? Die Pandemie, fast schon vergessen, und ein Krieg in Europa, der vielen als nicht von dieser Welt erscheint – obwohl er real ist und täglich Opfer fordert. Kann die Musik von Mühlrad das auffangen? Fraglos, denn Sie ist empathisch und ehrlich, alles andere als verkünstelt oder aus einer technische Nische kommend. Warum die physische CD dennoch so wichtig ist? Weil im Streaming die einzelnen Tracks (warum überhaupt diese kleinteilige Gliederung?) an den Nahtstellen beständig klappert. Ein Problem, dass bisher keines der mir geläufigen Portale wirklich in den Griff bekommen hat. Haben die Developer keine Ohren? Oder ist mal wieder «anderes» wichtiger? Die drängende Musik von Jacob Mühlrad sollte Mahnung genug sein, dieses Problem nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
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Jacob Mühlrad
Anim zemirot (2013/16); Nigun (2014); Kaddish (2017); Time (2018)
Swedish Radio Choir, Fredrik Malmberg, Ragnar Bohlin Deutsche Grammophon 485 5618 (2019)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.