Widmann – Piano MusicWie klingt Jörg Widmann auf dem Klavier? Da seine kompositorische Ästhetik mit ihren zahlreichen Allusionen auch aus der Retrospektive auf das 19. Jahrhundert schöpft, scheinen seine kleinformatigen Werke für Klavier im ersten Moment eine verbindliche Nähe zur Vergangenheit herzustellen. Dass dies jedoch nicht ausreicht, zeigen bereits die Werke selbst: Tänze, Reminiscenses, Intermezzi und Humoresken mit überschaubarer Spielzeit stehen in ihrer Summe eher der Bagatelle und dem Charakterstück näher, als der Sonate oder freien Fantasie. Wie auch in anderen Werken wird dabei mit «Erinnerungsstücken» an bestimmte Sprachen gespielt, die sich abstrakt verselbständigen, die in einem ähnlichen, dann anderen Kontext erklingen – und verklingen. Bei Idyll und Abgrund ist dies Schubert, bei den Intermezzi Brahms, bei den Humoresken Schumann.
Werbung
Interpretatorisch ist es dann notwendig, den Spagat zu meistern – einen Spagat zwischen dem Gestern und dem Heute, das Vergangene wie eine ferne Geste erscheinen zu lassen und nicht bloß als Zitat, das Neue aber als eine Folie darüber zu legen, die nicht bloß verzerrt, sondern das Sichtbare in der Perspektive aufbricht. Den Einspielungen von Yubo Zhou will da nicht so recht gelingen. Das liegt in diesem Fall ausgerechnet am Instrument und der Location, die beim Label MDG gesetzt sind: ein Steinway aus dem Jahre 1901 und die Abtei Marienmünster. In der räumlichen Akustik zerfließen und überlagern sich Linien und Akzente, das hohe Register erscheint nach dem mechanischen Anschlag fast tonlos. Hinzu kommt eine Interpretation, die für meinen Geschmack nicht genügend auf die Gegebenheiten des Raums reagiert – wo doch Widmanns Musik mit ihren Verästelungen doch eher «dicht» gehört werden will. Ein Vergleich mit Einspielungen von Luisa Imorde (Ars), Andrea Lucchesini (audite) oder Sheila Arnold (Avi) zeigt, dass die Werke, ihre Strukturen und Charaktere dort um vieles präsenter erscheinen.
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.