Schaut man allerdings in die autographe Partitur, wird schnell klar, dass hier in gleichermaßen fragwürdiger wie verblüffender Weise das einst von Vivaldi notierte schmale Gerüst aufführungspraktisch gepimpt und aufgeblasen wird. Selten nur habe ich einen Satz des «prete rosso» derart dicht am Original und doch so fern von den Noten gehört. Hinzu kommt eine ins Extrem getriebene musikalische Rhetorik, die verzögert, anhält, beschleunigt – und das vorgeschriebene «allegro molto» nur für einen kompositorischen Fingerzeig hält. Ja, die Substanz gibt das her, vor allem bricht sie unter dieser Belastung nicht zusammen. Glücklicherweise ist der geniale Spuk schon bald vorbei, und es entwickelt sich in den übrigen Konzerten eine sehr engagierte, aber auch mehr der Musik verpflichtete Interpretation. Sergio Azzolini versteht es dabei, sein Fagott nicht nur melodisch ausdrucksstark zum Sprechen zu bringen, sondern selbst durch stupende Virtuosität zu überzeugen. Eine affektierte, bisweilen gar opernhafte Aufnahme, bei der die kleinen «Concerteln» mit Bedeutung und Kraft aufgeladen werden. Höchst diskutabel und dennoch überzeugend.
Antonio Vivaldi. Concerti per fagotto V
Konzert für Fagott und Orchester a-Moll RV 497, C-Dur RV 476, F-Dur 486, d-Moll RV 481, C-Dur RV 467, F-Dur RV 489, C-Dur 479
Sergio Azzolini (Fagott), L’Onda Armonica
naïve OP 30573 (2018)