17. Juni 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Benjamin Schaefer – Stone Flowers

Benjamin Schaefer – Stone Flowers
Benjamin Schaefer – Stone Flowers

Benjamin Schaefers 11. Album «Stone Flowers» kann man nicht so einfach vom Tisch wischen. Es ist in einer Morton-Feldman-artigen Besetzung im Quartett mit Querflöten (Michael Heupel), Tuba (alternierend Bass-Posaune – Jan Schreiner), Fender Rhodes (und Mini Moog – Benjamin Schaefer) sowie Perkussion/Schlagzeug (Leif Berger) instrumentiert, was für einen sehr eigenes Klangbild sorgt. Die Frage, ob man diese Platte im Zusammenhang von Jazz hören kann, muss oder darf, wirkt zu abstrakt, weil der Anteil des komponierten Materials und der Anteil der freien Improvisation durch alle musikalischen Parameter hindurch zu wirken nicht nur scheinen, sondern dies auch tatsächlich geschieht.

Ich habe selten eine Platte aus diesem Bereich gehört, bei der diese Durchwirkung musikalischer Parameter auf so umfassende Art und Weise passiert wie hier. Also sowohl, Rhythmus, Metrum, Melos, Tempo, Instrumentation und Harmonik, sowie die Dauer der einzelnen Formteile sind davon erfasst, aber es ist natürlich keine hyperkomplex-chaotische Struktursituation wie man es von Kompositionen der seriellen Avantgarde der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts kennt. Eher auf kleiner Flamme, durchsichtig(er), exakter im Gesamtausdruck.

Schaefers drei Spirals, die die CD eröffnen liegen Bezüge zu Prinzipien der Fibonacci-Reihen «zugrunde». Das ergibt sich aus Hinweisen, die mir der Komponist zugänglich gemacht hat und aus den Partituren, die ich einsehen durfte.

«Stone Flowers» – die Idee belebte und unbelebte Natur mit den Möglichkeiten menschlicher Kreativität zu mischen hat es in sich. In meinen Ohren wirkt das an manchen Stellen deutlich irritierend, weil eckig und kantig, eben so gar nicht strukturiert wuchernd, und schwebend, sondern wie beim kanonischen Anfang von «Spirals One» einfach streng (Schaefer bezeichnet es als «Choral» in der Partitur). In dessen zweiten Part rutscht es dann in eine rhythmische Grundierung, über der Tuba und Flöte parallel unisono die melodischen Fäden ziehen. Im dritten Teil flottiert es dann frei in Bassposaune, Flöte , Rhodes und Perkussion – sinnig benannt als «Collective Solo». Streng oder exakt sind an Fobonacci-Zahlen auch die Längen der Formteile (zum Beispiel: 34 Takte) und Tempi (zum Beispiel: Viertel = 89 oder 144), die Anordnung der Intervalle und Abstände der Einsätze präformuliert.

Das klingt jetzt alles sehr theoretisch und abstrakt. Ist es auch. Was aber daraus resultiert, ist die oben erwähnte Unabhängigkeit der einzelnen Dimensionen (oder musikalischen Parameter) der Stücke «Spirals» und das macht die Sache über die Analyse hinaus faszinierend.

Durchaus in gewohntere Wasser gerät man mit «Lithops» – für mich das am zwingendst durchgespielte Stück mit klugen und effektiven Einfällen in der formalen Gestaltung und Durchführung. Daneben steht auf der anderen Seite das interessant gebaute Klangstück «Jama» mit seiner Rätselhaftigkeit der Konstruktion, das von der Virtuosität der Klanggebung der Musiker lebt wie kein weiteres Stück der Platte.

Benjamin Schaefer hat hier etwas vorgelegt, das in einer musikalischen Zwischenwelt sich bewegt und von dem man hoffen darf, dass es der Anfang einer größeren Sache wird. Die Endstation hat er damit noch nicht erreicht. Ein erstes Stück vielleicht in seiner eigenen Fibonacci-Reihe.


Benjamin Schaefer – Stone Flowers [2023]

  • Michael Heupel – flutes
  • Jan Schreiner – btb / tuba
  • Benjamin Schaefer – rhodes / synth
  • Leif Berger – dr/ perc

for the records – FTR 002 (VÖ 3.3.2023) – Vinyl und Digital

 

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