3. Februar 2023 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Questo Tempo

Questo Tempo
Questo Tempo

Eine weitere Produktion vom Label «Da Vinci Jazz», aber mit ganz anderer Klanglichkeit als «Pagine Vere». Die Besetzung deutlich perkussiver (aber mit Melodieinstrumenten wie dem Vibraphon …). Perkussiv muss ja nicht knattern heißen oder grooven oder schlumpfen. Eigentlich gelangt man hörend eher zu der Einsicht, dass die Rhythmus-Abteilung umgekehrt proportional zugleich fehlt – wie das, ich versuche es weiter unten zu erklären. Auch die Toms sind präzise gestimmt auf das musikalische Gesamtbild hin. Und doch: Es pulst die Musik, aber durchaus frei und fesselnd zugleich. Darüber singt Beatrice Arrigoni ebenso eher klangbildend als tongebend.

Zehn Bilder gestaltet das Quartett auf diese Weise. Unhektisch, nicht in Eile, nicht in lange Weile verfallend. So frei die Bögen der einzelnen Stücke gestaltet sind, ja beinahe vegetativ, so präzise ist am Ende doch alles getimt – ohne doch durchkomponiert zu sein. Zugrunde liegen Texte weiblicher Autorinnen, auch wenn der Pressetext betont, «even in the full belief that the word poet is universal without any gender distinction. The choice of the text falls therefore on poems of representative poetesses of the last decades’ poetry.» So wenig die Auswahl zufällig ist, so wenig liegt ihr eine genderspezifische Annahme zugrunde. Sympathisch, denn am Ende kommt es immer darauf an, was drin ist und wie es sich hier fügt. Dafür zählt hier Aktualität und musikalische Grundenergie.

«Es pulst die Musik, aber durchaus frei und fesselnd zugleich. Darüber singt Beatrice Arrigoni ebenso eher klangbildend als tongebend.»

MH zu Questo Tempo

Und in diesem Zusammenhang erscheint das sprachlich Wiedergesungene doch eher als Material aus «Timbre» und «Rhythmus» – also wird es als musikalisches Ereignis gesetzt. Poesieentfaltung und Sprachentfaltung. Das korrespondiert mit dem oben gesagten, dass die «Rhythmus»-Instrumente ihrerseits in Timbre und Farbe aufgehen.

Beispiele: Die strudelwärts-artige zirkuläre, repetitive Muster-Musik der Musiker in die eher gerade sprachlich phrasiert wird in «Piegare le ali» (mit seinen ganzen musikalischen Binnenspielereien zwischen Piano und Handtrommel). Dem gegenüber das Gepulste im nachfolgenden Stück «Legno sardo» oder die schwüle Weite in «Chimera» oder das akkurat Strukturierte im titelgebenden Stück «Questo Tempo» (achte man auf die Schlussminuten- und dann -Sekunden).

Keine Platte für so nebenbei. Man muss sie halt an sich herankommen lassen. Dann Eintauchen. Passierenlassen. Lassenlassen. Lassen.


Questo Tempo [2022]

  • Beatrice Arrigoni – voice
  • Luca Di Battista – vibraphon, marimba, percussions
  • Nazareno Caputo – drums, percussions, electronics
  • Stefano Battaglia – piano

Da Vinci Jazz, C00577

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