28. Januar 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Americaspaces / Robert Trevino

Americaspaces / Robert Trevino
Americaspaces / Robert Trevino

Da hat das Land im Selbstverständnis und dem Sagen nach unbegrenzte Möglichkeiten – und doch kommt eine hoch interessante Einspielung mit «echter» Musik aus den Vereinigten Staaten ausgerechnet aus der «Alten Welt». Nun ließe sich trefflich über lange und kurze Ohren (Mozart) sinnieren; am Ende bleibt allein die Frage, welcher Klangkörper dieses vermeintliche Repertoire-Risiko eingeht und welches Label mitzieht. In diesem Fall waren es das erstaunlich jung besetzte Baskische Nationalorchester unter der Leitung von Robert Trevino (der offenbar auch für die Werkauswahl verantwortlich zeichnet) und das finnische Label Ondine, in dessen Katalog sich bereits einige Schätze aus sinfonischen Randbereichen finden. Eine echte Entdeckung also?

Ich bin sehr geneigt, das mit einem ausdrücklichen «Ja» zu beantworten. Wer sich auskennt, wird schon einmal ein Werk von Hanson oder Cowell gehört haben. Aber wie will man mit dieser eigentümlich eigenständigen wagnerisch-vorimpressionistischen sinfonischen Dichtung von dem einst in Berlin geborenen und später in Boston als Konzertmeister wirkenden Charles Martin Loeffler (1861–1935) umgehen? Zumal mit der seltenen, aber auch untypisch gesetzten Viola d’amore? Und warum hörte man nie etwas von Carl Ruggles (1876–1971), der hochkonzentriert atonal-expressionistisch arbeitete und nach all seinen Werken (mit zusammen nur 80 Minuten Spielzeit) sich der Malerei widmete? Bei Before the Dawn op. 17 von Howard Hanson (1896–1981) handelt es sich sogar um eine Ersteinspielung – ein Werk, das romantische Idiome weiterdenkt. Bei den Variations for Orchestra (1956) von Henry Cowell (1897–1965) handelt es sich gar um eine Komposition, die auf höchstem Niveau einen sehr eigenen Weg zwischen allen Stilen beschreitet, der von der sich bald institutionalisierenden europäischen Nachkriegs-Avantgarde vermutlich als atavistisch abgelehnt worden wäre. – Für Robert Trevino und das von ihm geleitete Basque National Orchestra war diese Werkauswahl offenbar eine Herzensangelegenheit. So engagiert, so musikalisch hört man solche vergessenen Werke sehr selten. Allerdings fügen sich die Klangfarben der einzelnen Instrumente beim genauen Hinhören nicht immer nahtlos zusammen. Kein Wunder, angesichts der im Booklet photographisch dokumentierten Corona-Sitzordnung. Daher darüber kein weiteres Wort.

Siehe dazu auch:


Charles Martin Loeffler. Le Mort de Tintagiles op. 6 (1897); Carl Ruggles. Evocations (1943); Howard Hanson. Before the Dawn op. 17 (1920); Henry Cowell. Variations for Orchestra (1956)
Basque National Orchestra, Robert Trevino

Ondine ODE 1396-2 (2020)

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