18. Juli 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Tartini: Violin Concertos – Chouchane Siranossian / Venice Baroque Orchestra / Andrea Marcon

Tartini: Violin Concertos – Chouchane Siranossian / Venice Baroque Orchestra / Andrea Marcon
Tartini: Violin Concertos – Chouchane Siranossian / Venice Baroque Orchestra / Andrea Marcon

Noch immer steht das Schaffen des in Padua (und für einige Jahre auch in Prag) wirkenden Giuseppe Tartini (1692–1770) im Schatten seiner eigenen Teufelstriller-Sonate, die ihm in der Rezeptionsgeschichte fast zum Fluch wurde. Denn seine Virtuosität zeigte er nicht nur auf den Saiten, sondern auch in Kompositionen, die kaum einmal auf den Notenpulten landen. Wie bei jedem der großen Meister des Barock kann man auch bei seinen Konzerten auf eine zwischen 1996 und 2010 entstandene Gesamteinspielung (beim italienischen Label Dynamik) zurückgreifen – allerdings mit vielfach eher durchwachsenen Interpretationen.

Wirklich neues Licht wirft nun Chouchane Siranossian mit dem Venice Baroque Orchestra auf einige Höhepunkte des Œuvres. Formal, stilistisch wie musikalisch spiegeln seine Concerti tatsächlich eine andere Generation wieder, auch wenn die hier eingespielten Werke aus ganz verschiedenen Jahrzehnten stammen. Sie sprühen durchgehend vor Originalität – wohl auch, weil Tartini mit seiner kompositorischen Erfindung regelmäßig ein Motto verband und dieses auch (verschlüsselt) voranstellte. Davon abgesehen verbindet er (vielleicht auch entgegen manchem Topos) auf höchst glückliche Weise Virtuosität mit Kantabilität (et vice versa). Chouchane Siranossian wird mit ihrer stupenden Technik und musikalischen Gestaltung beiden Anforderungen in geradezu vorbildlicher Weise gerecht, so dass auch bei mehrfachem Hören dieser vor Spielfreude nur so sprudelnden Produktion immer wieder neue Entdeckungen zu machen sind – zumal sich stilistisch und damit auch harmonisch einiges in dieser Musik bewegt. Ob nun mit dieser auch akustisch vorzüglich aufgenommenen CD eine kleine Tartini-Renaissance eingeleitet wird? Mich würde das freuen. Sein aktueller 250. Todestag wurde jedenfalls (Corona hin oder her) kaum wahrgenommen.


Giuseppe Tartini. Concerto e-Moll D 56, Concerto A-Dur D 96, Concerto d-Moll D 45, Concerto G-Dur, Concerto d-Moll D 44
Chouchane Siranossian (Violine), Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon
Alpha 596 (2019)

 

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Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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