22. Mai 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Modern Horn Trios

Modern Horn Trios
Modern Horn Trios
Mit dem Adjektiv «modern» ist das so eine Sache. Nicht nur, dass sich moderne Moden irgendwann wiederholen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie man von heute aus ein weiter zurückliegendes «Modern» definiert. Denn letztlich ist dies allein eine Frage der ästhetischen Haltung des jeweiligen Rezipienten. Und da wirkt dann der Titel dieses Albums doch etwas seltsam und verunglückt. Sind Charles Koechlin und Hermann Schroeder (1904–1984) mit ihren Horntrios aus den Jahren 1920 und 1967 wirklch so «modern» wie Hans Abrahamsen, John Cage oder György Ligeti, deren Partituren trotz weitgehender zeitlicher Parallelität (Mitte der 1980er Jahre) recht weit auseinander liegen? «Modern» wäre demnach weder als «aktuell» oder «zeitgenössisch», «progressiv» oder «avantgardistisch» zu verstehen: Cage gab die Besetzung nicht explizit vor, und Schroeder galt mit seinem neoklassizistischen Stil als Kölner Konservativer.

Werbung

Sieht man davon aber einmal ab, dann sind bei dieser Produktion Werke versammelt, die die mit ihrem Brahms-Bezug behaftete Besetzung von Horn, Violine und Klavier auf jeweils sehr unterschiedliche Weise weiterdenken – und sich dabei doch nicht immer von der ihr eigenen klanglichen Romantik befreien. So die Sechs Stücke von Hans Abrahamsen, die einst der dänischen Erstaufführung von Ligetis markantem Trio an die Seite gestellt wurden. Abrahamsen, von Haus aus selbst Hornist, wählte ganz andere Klangkonstellationen und ein Material, das sich in ausgearbeiteten «Bagatellen» entfaltet. Das stilistisch verspätet anmutende und doch in seiner rückwärtigen Haltung ehrliche Werk von Hermann Schroeder zeigt eine objektivierte Motorik, und gewährt einen Blick in eine längst vergessene Welt. Ob man sich für die Einspielung allerdings so umfänglich entschuldigen muss, wie im Booklet geschrieben? Auch im 19. Jahrhundert führte man einen teilweise unerbittlichen Diskurs. Interpretatorisch und klanglich überzeugt das Album gerade da, wo der trockene Ton Strukturen offenlegt.

Werbung

Modern Horn Trios.
Hans Abrahamsen. Six Pieces für Horn, Violine und Klavier (1984); John Cage. Music for Three (1984–87); Charles Koechlin. Quatre Petites Pièces op. 32 (1920); Hermann Schroeder. Horntrio Nr. 2 op. 40 (1967); György Ligeti. Horn, Violine und Klavier (1982)
Premysl Vojta (Horn), Ye Wu (Violine), Florence Millet (Klavier)

Avi 8553522 (2020, 2021)

HörBar #187 – Horn & Hörner

Helmut Lachenmann – My Melodies

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

    View all posts
hoerbar_nmz

Der HörBar-Newsletter.

Tragen Sie sich ein, um immer über die neueste Rezension informiert zu werden - entweder täglich oder mit den Rezensionen der vergangenen Woche am Sonntag.

Liste(n) auswählen:
DSGVO-Abfrage* 

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

This entry is part 5 of 5 in the series HörBar #187 – Horn & Hörner

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.