
Allzu leicht verfällt man bei dieser Musik in eine reine Beschreibung technischer Verfahren. Dabei lässt sich My Melodies auch ganz anders hören. Während bei einer Live-Aufführung im Konzertsaal auch der visuellen Komponente eine (un-)gewollte Bedeutung zukommt, sind es auf diesem Album (ein Konzertmitschnitt aus München) allein die rhythmisierten Geräusche und das tonlose Spiel, die die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen und etwas bisher Ungesagtes in die Welt bringen. Dass Lachenmann in diesem Alterswerk keineswegs manieristisch wirkt, sondern anhaltend neugierig, macht die zwischen 2018 und 2023 nochmals um 77 Takte erweiterte Partitur so attraktiv. – Vielleicht mag ein pädagogisches Konzept dahinter stehen, wenn auf dem Album 14 «Bonustracks» folgen, bei denen es sich um die charakteristischen Stellen handelt. Aus dem Zusammenhang gerissen, lenken sie zwar die Aufmerksamkeit, verführen aber auch dazu, das Werk nicht mehr vollständig oder mehrfach zu hören. Und Lachenmanns gesprächsweise Kommentare (ein Kurz-Interview von 2018) lassen sich im Booklet besser nachlesen. Eine idiomatisch durchgearbeitete und noch dazu faszinierende Komposition, mit höchster Lust und viel Elan umgesetzt.
Helmut Lachenmann. My Melodies für 8 Hörner und Orchester (2016–2018/2019/2023)
Horngruppe des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Matthias Hermann
BRKlassik 900643 (2023)
