21. Mai 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Helmut Lachenmann – My Melodies

Helmut Lachenmann – My Melodies
Helmut Lachenmann – My Melodies
Melodien von Helmut Lachenmann? Keine Sorge! Hier findet keine radikal-revolutionäre Abkehr von einer über Jahrzehnte entwickelten, ganz eigenen Ästhetik statt, sondern eine Vertiefung. Natürlich sind keine «Melodien» im allgemein verkürzten Verständnis zu hören, wohl aber Klänge und Klangzustände, die das Ausgangsmaterial reflektieren. Im Zentrum dieser großen und weiträumigen Partitur mit einer Spielzeit von knapp 45 Minuten stehen acht Hörner – nicht konzertant im traditionellen Sinn, sondern oft genug als Atemgeber wie in den letzten Takten. Der Weg reicht dabei vom mächtigen Unisono über eine «wilde» Kadenz bis hin zu geräuschhaften Erkundungen mit den Bestandteilen des Horns – auch mit (umgedrehtem) Mundstück und separat gespielten, ausgesteckten Zügen.

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Allzu leicht verfällt man bei dieser Musik in eine reine Beschreibung technischer Verfahren. Dabei lässt sich My Melodies auch ganz anders hören. Während bei einer Live-Aufführung im Konzertsaal auch der visuellen Komponente eine (un-)gewollte Bedeutung zukommt, sind es auf diesem Album (ein Konzertmitschnitt aus München) allein die rhythmisierten Geräusche und das tonlose Spiel, die die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen und etwas bisher Ungesagtes in die Welt bringen. Dass Lachenmann in diesem Alterswerk keineswegs manieristisch wirkt, sondern anhaltend neugierig, macht die zwischen 2018 und 2023 nochmals um 77 Takte erweiterte Partitur so attraktiv. – Vielleicht mag ein pädagogisches Konzept dahinter stehen, wenn auf dem Album 14 «Bonustracks» folgen, bei denen es sich um die charakteristischen Stellen handelt. Aus dem Zusammenhang gerissen, lenken sie zwar die Aufmerksamkeit, verführen aber auch dazu, das Werk nicht mehr vollständig oder mehrfach zu hören. Und Lachenmanns gesprächsweise Kommentare (ein Kurz-Interview von 2018) lassen sich im Booklet besser nachlesen. Eine idiomatisch durchgearbeitete und noch dazu faszinierende Komposition, mit höchster Lust und viel Elan umgesetzt.

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Helmut Lachenmann. My Melodies für 8 Hörner und Orchester (2016–2018/2019/2023)
Horngruppe des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Matthias Hermann

BRKlassik 900643 (2023)

HörBar #187 – Horn & Hörner

Cor Basse – Teunis van der Zwart

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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