Butter QuartetSelbst unter den jungen Streichquartett-Formationen ist die historisch informierte Aufführungspraxis nicht so verbreitet, wie man es sich wünschen würde. Dabei geht nicht allein um die Frage der «richtigen» Saiten und ihrer Stimmhöhe, sondern vor allem um die Artikulation und den daraus resultierenden kammermusikalischen Ton. Denn bei manch einem Werk der Klassiker und frühen Romantiker lässt sich die Faktur auch ins Sinfonische denken – und dies nicht nur beim frühen Schubert (bei ihm selbst ein produktives Missverständnis). In diesem Sinne ist das zweite Album des Butter Quartets aus Den Haag erfreulich, bei dem zwischen den beiden späten und reifen Quartetten op. 77 von Joseph Haydn der Entr’acte (2011) von Caroline Shaw (*1982) steht – ein Werk, das sich wunderbar einfügt, weil es auf sehr intelligente Weise die Sprache des ausgehenden 18. Jahrhunderts aufnimmt, weiterdenkt sowie mit einzelnen «Silben» und «Worten» ebenso witzig spielt, wie dies einst Haydn getan hat.
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Gerade bei diesem Satz zeigen sich die bemerkenswerten technischen wie interpretatorischen Qualitäten des Butter Quartets, das vor allem im unteren dynamischen Bereich sehr fein zu differenzieren versteht und dennoch den einzelnen Ton nicht zerbrechen lässt. So auch in den ausgedehnten Pizzicato-Passagen, die sowohl vertikal als auch horizontal selbst in den freien Momenten auf den Punkt kommen. Das Kleeblatt überzeugt so mit dem Entr’acte – und es lässt den Satz zugleich als einen wirklich wichtigen Beitrag erscheinen, weil Caroline Shaw in bester Gattungstradition mit dem Repertoire der Vergangenheit korrespondiert (ich würde mir wünsche, das Werk öfter auch auf einem wirklichen Programm zu sehen). Und die beiden Haydn-Quartette? Durch das Butter Quartet wirken sie wie frisch geschlüpft, haben weder Zopf noch Patina. Man merkt der Interpretation in jedem Takt an, dass sie bis ins letzte Detail durchdacht und erarbeitet wurde – um sich dann frei entfalten zu können. Das Ensemble spielt nicht einfach die Partitur, sondern es liest sie wie eine Landkarte. Herrlich.
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Wait Till the Clouds Roll By
Joseph Haydn. Streichquartett F-Dur op. 77/1; Streichquartett G-Dur op. 77/2; Caroline Shaw. Entr’acte (2011)
Butter Quartet Brilliant Classics 70033 (2025)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.