Umso erstaunlicher ist es, dass Wolf Harden (einst Pianist im legendären Trio Fontenay) sich seit einigen Jahren der Klaviermusik Busonis annimmt und mit dem vorliegenden Album inzwischen ein ganzes Dutzend programmatisch stimmiger Produktionen vorgelegt hat – ein Ende der herausragenden Serie ist noch nicht abzusehen. Harden spielt seinen Busoni ganz aus dem 19. Jahrhundert heraus. Er sucht nicht nach Modernität, sondern lässt die Werke selbst sprechen: in ihrer vielfältigen kontrapunktischen Intensität, ihrer komplexen Faktur und Harmonik, auch in ihrer bisweilen befremdlichen Sprödigkeit. Darin aber liegt ein deutlich hörbarer Gewinn – nämlich dann, wenn Busoni an den entscheidenden Stellen seiner Kompositionen selbst für Eindeutigkeit sorgt. Langweilig wird es nie: ob in der ruhig schillernden Weihnachtsnacht, den barockisierenden Albumblättern, den einfacher gebauten Sonatinen oder in der das ganze Instrument ausschöpfenden Bearbeitung von Schönbergs op. 11/2. Ein Sakrileg, das zwischen den beiden Neuerern aber für Klarheit sorgte.
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Ferruccio Busoni. Piano Music Vol.12
Präludium und Fuge C-Dur op. 36, BV 180 (1880/81); Sonatina Nr. 1, BV 257 (1910); Sonatina Nr. 2, BV 259 (1912); Sonatina Nr. 4 «in diem nativitatis Christi», BV 274 (1917); Nuit de Noël, BV 251 (1908); Drei Albumblätter, BV 289 (1917/21); Arnold Schönberg. Klavierstück op. 11/2, BV B. 97 (1909) (Arr. Ferruccio Busoni)
Wolf Harden (Klavier) Naxos 8.574579 (2023)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.