10. Mai 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

John Hollenbecks GEORGE – Looking for Consonance

John Hollenbecks GEORGE – Looking for Consonance
John Hollenbecks GEORGE – Looking for Consonance

Vor einigen Jahrzehnten hätte man die Musik dieser Quartettformation unter dem Label Art-Jazz-Pop einsortiert. Das heißt – der erste Track des Albums macht es evident – auf einer durchratternden Schlagzeug-Phase, die «gnadenlos» treibt und den Rest der Musik vor sich her schiebt, wird mit extended voice-Mitteln und einer Diastematik, die Sprünge liebt, eine zerklüftete, brüchige Klangwelt erzeugt. Das ist Musik, die den Druck nach außen forciert.

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Da verwundert es zunächst vielleicht, dass dieses Album mit «Looking for Consonance» betitelt wird. John Hollenbeck führt dazu aus:

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«Der Titel Looking for Consonance kam mir eines Tages in den Sinn, als ich darüber nach-dachte, wie ich diese Musiksammlung nennen könnte. Dieser Titel fühlte sich sofort wichtig an, also ließ ich ihn auf mich wirken. Ich dachte, ich wüsste, was Konsonanz in der Musik bedeutet, aber ich wusste auch, dass sie andere Bedeutungen hat – solche, die weit über den Klang hinausgehen. Websters Wörterbuch definiert Konsonanz als die Harmonie oder Übereinstimmung von gleichzeitig erzeugten Klängen, die zu einem angenehmen und stabilen Hörerlebnis führen. Das Wort, das mir dort am meisten auffällt, ist stabil. Ich glaube, wir alle suchen nach etwas, das Stabilität vermittelt. Einigkeit und Harmonie wären wunderbar – aber eine solche Harmonie würde erfordern, dass die Menschen einen Teil ihrer eigenen Gewissheit, ihrer eigenen Meinungen aufgeben. Und mir ist bewusst, dass selbst Gesten, die das Leben würdigen sollen, Widerstand oder Anstoß erregen können, wie es bei der Namensgebung dieser Band der Fall war, unserem Tribut an George Floyd.»

Stabilität ist umgekehrt ein Begriff, der mir bei den meisten Titeln dieses Albums wirklich nicht einfallen würde. So wenig wie ein Prozess der Suche danach. In allen Tracks laufen mindestens zwei musikalische Wirkungsprozesse ab, die sich mindestens nebeneinander positionieren, sich aber manchmal auch produktiv im Weg stehen oder zur Not eine «Stabilität» brechen, wo sie, wie in Nassam Alayna-LHawa (a diasporic offering for peace), scheinbar verwirklicht ist.

Mit GEORGE gelingt es John Hollenbeck und seinen drei Mitstreiterinnen Anna Weber, Sarah Rossy und Chiquita Magic tatsächlich, ein Tor zu öffnen für einen freien, multiessentiellen Durchgang zwischen Klangavantgarde, Groove-Jazz und empathischem Klagegesang. Das darf auch schon mal nervig sein, wenn es an anderer Stelle einen erschüttern und erschütteln lässt.

Ab und zu mag man allerdings den Verdacht nicht ganz loswerden, dass man sich gerade in den Untertiteln der Stücke überhebt und die – auch politischen – Ambitionen etwas zu effektvoll impliziert (wie zum globalen Süden beispielsweise).


John Hollenbecks GEORGE – Looking for Consonance [2026]

  • Anna Webber – tenor saxophone, flute, alto flute
  • Sarah Rossy – voice, synthesizer
  • Chiquita Magic – Synthesizers, voice
  • John Hollenbeck – drums, glockenspiel, composition

Out Of Your Head Records | OOYH 044 – (VÖ: 08.05.2026 als CD, LP Streaming, Download)

Autor

  • Martin Hufner. Foto: Kurt Hufner

    Martin Hufner ist Musikjournalist, Musikwissenschaftler, Blogger. Er betreut nebenbei die Online-Redaktion der neuen musikzeitung.

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hoerbar_nmz

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