1. April 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Johann David Heinichen – Sepolcri

Johann David Heinichen – Sepolcri
Johann David Heinichen – Sepolcri
Noch einmal das Sepolcro. Diesmal geht es die Elbe auswärts bis nach Dresden – eine noch immer nicht gänzlich erschlossene Hochburg des musikalischen Barock und weit darüber hinaus. Auf diesem Album sind es zwei Werke, die in ihrer Anlage und ihren sängerischen Anforderungen unbedingt an die Opera seria erinnern. Sie zeigen, wie sehr sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Stile, Gattungen und Genres gegenseitig inspirierten, obwohl die geistliche und weltliche Sphäre eigentlich unvereinbar schien.

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Vielleicht war Johann David Heinichen (1683–1729) dafür ein exzellenter Vermittler. Protestantisch sozialisiert und am Hof von Zeitz in einer guten Anstellung, ging er 1710 nach Italien. Dort lernte er Kurprinz Friedrich August (nachmals August III.) kennen, der ihn später nach Dresden abwarb. Für den aus politischen Erwägungen zum Katholizismus konvertierten Kurfürsten schuf Heinichen nicht nur Opern, sondern auch liturgische und paraliturgische Werke schuf. Zu letzteren gehören die beiden hier eingespielten Werke auf zwei italienische Libretti – einmal ein Gespräch zwischen Maria, Maria Magdalena, Johannes und dem Hauptmann unter dem Kreuz, das andere Mal eine Wechselrede zwischen Tod und Leben, Buße und Hoffnung. Obwohl in der Karwoche in den klanglichen Mitteln reduziert, sind die Kompositionen höchst anspruchsvoll – Herausforderungen, die das Solisten-Quartett wie auch die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens in jedem Takt glänzend bestehen und auf herausragend selbstverständliche Weise einen Stab für das vielfach vergessene Genre wie auch den nicht mehr ganz geläufigen Komponisten brechen. Eine Form hochvirtuoser Kontemplation.

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Johann David Heinichen. Two Passion Oratorios
«Come? S’imbruna il ciel! Occhi piangete» (1728); «L’aride tempie ignude» (1724)
Elena Harsányi (Sopran), Elvira Bill (Alt), Mirko Ludwig (Tenor), Andreas Wolf (Bariton), Kölner Akademie, Michael Alexander Willens

cpo 555 507-2 (2021)

Hörbar #184 – Passionen

Gregor Joseph Werner – Der Gute Hirt

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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