19. März 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Felix Mendelssohn – Fabio Biondi

Felix Mendelssohn – Fabio Biondi
Felix Mendelssohn – Fabio Biondi
An sich eine gute Idee, aus Mendelssohns Jugendwerken nicht nur einige der vielfach eingespielten Streichersinfonien aufzunehmen, sondern auch kleinere Übungen und Ephemera, die doch noch viel mehr über den Unterricht bei Carl Friedrich Zelter und das zur Verfügung stehende ältere Repertoire erzählen. Es sind die auf diesem Album an letzter Stelle stehenden beiden Fugen, die in diesem Sinne die Ohren (und dann auch die Augen) öffnen. Wer das physische Album vor sich hat, sollte für die genauen Nachweise allerdings Spotify bemühen, denn dort werden die Verzeichnisnummern ungewöhnlicherweise umfangreich und korrekt angegeben, während sie im gedruckten Booklet schlichtweg fehlen. Dann wird auch klar, dass es sich bei den Fugen um Stücke handelt, die (Bachs Kunst der Fuge vergleichbar) abstrakt notiert und im MWV mit einem entsprechenden Hinweis dann doch den Orgelwerken zugeschlagen wurden. Wer genau hinhört, wird bei der Fuge W 3 auch eine verdächtige Nähe zu Bachs früher Kantate „Aus der Tiefe“ BWV 131 heraushören. Und schon kreiselt es im Kopf: Zufall oder Studium?

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Der Einspielung fehlt es allerdings nahezu durchgehend an einem packenden Zugriff, an glühendem Feuer, an einer mitreißenden Geste. Man darf sich fragen, ob der in der Musik eigentlich innewohnende Drive schon in den 1820er Jahren so «soft» abgefedert wurde oder ob ich heute, ausgehend von meinem eigenen aufführungspraktischen Bild des 18. Jahrhunderts, eine andere Erwartungshaltung habe. Schaut man selbst zurück, dann erwartet man eben doch ein wenig mehr jugendliches Aufbegehren und drängenden Stolz, dem strengen Gerüst des Kontrapunkts ein Schnippchen geschlagen zu haben. Kann ein musikalisches Kinderzimmer wirklich so unaufgeregt klingen?

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Felix Mendelssohn Bartholdy. Sinfonie für Streicher D-Dur MWV N 2; Konzert für Violine und Streicher d-Moll MWV O 3; Salve Regina für Sopran und Streicher B-Dur MWV C 2; Fuge Es-Dur für Streicher MWV R 23; Sinfonie für Streicher B-Dur MWV N 5; Largo und Allegro für Klavier und Streicher d-Moll MWV O 4; Fuga a tre g-Moll MWV W 4; Fuga a tre d-Moll MWV W 3
Monica Piccinini (Sopran), Paola Poncet (Fortepiano), Europa Galante, Fabio Biondi

Naïve V 7262 (2020)

HörBar #182 – Juvenilia

Charles Alkan – Mark Viner

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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