18. März 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Charles Alkan – Mark Viner

Charles Alkan – Mark Viner
Charles Alkan – Mark Viner
Wer schaut schon gern auf seine frühere Zeit zurück? Was haben wir nicht alles für verrückte Pläne und Projekte gehabt! Als ich vor nun bald schon vierzig Jahren einen älteren Professor auf einen Text von ihm ansprach, sagte er mit einem sehr breiten Lächeln, das zu Herzen ging: «Ach, eine Jugendsünde!» Das ist wahre Souveränität. Bei Komponisten ist es auch kaum anders – es sei denn, es wurde so gründlich aufgeräumt, wie es Brahms selbst getan hat. Aber es gibt ja auch die frühen gedruckten Werke. Wie bei Charles Alkan (1813–1888). Sie geben nicht nur einen Eindruck von der frühen pianistischen Reife, sondern auch von dem Repertoire, das in den 1830er Jahren «in» war. Sie sind Zeugen eines temporären Geschmacks.

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Üblicherweise erscheinen solche «Jugendsünden» erst am Ende eines größeren Aufnahme-Projekts als Supplement, das nurmehr die wahren Fans interessiert. Hier aber ist es anders. Bereits an mittlerer Position erscheint ein Album, mit dem Mark Viner eine Lanze für das längst Vergessene bricht. Es sind vor allem Variationsfolgen und brillante Stücke, die er mit virtuoser Technik wieder zum Leben erweckt. Manches erstaunt, manches erinnert eher an die Musik zu einer Jagd zwischen Tom und Jerry. Über die Jahrzehnte haben sich mit den rasenden Tastenläufen eben auch andere Bilder eingestellt, die die originalen Intentionen überlagern. Und so sagt der Blick zurück auf diese Juvenilia auch etwas über einen selbst aus. Wie immer.

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Charles Alkan. Early Works & Juvenilia
Variations sur un thème de Steibelt op. 1; Les omnibus. Variationen op. 2; Il etait un p’tit homme. Rondoletto op. 3; Rondo brillant pour piano et cordes ad libitum op. 4; Variations à la vielle sur l’air chanté par Mme. Persiani dans l’elisir d’amore de G. Donizetti; «Ah! Segnataè la mia sorte» de l’opéra Anna Bolena de Donizetti op. 16/4; Air des «Capulets et des Montaigus» de Bellini («La tremendaultrice spada») op. 16/5; Variations quasi fantaisie sur une barcarolle napolitaine op. 16/6; Rondeau chromatique op. 12
Mark Viner (Klavier)

Piano Classics PCL 10298 (2023, 2024)

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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This entry is part 1 of 1 in the series HörBar #182 – Juvenilia

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