20. März 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Julius Otto Grimm – Sinfonieorchester Münster

Julius Otto Grimm – Sinfonieorchester Münster
Julius Otto Grimm – Sinfonieorchester Münster
Seinen Namen kennt man aus dem Umfeld und der Biographie von Johannes Brahms – und doch ist es immer vergleichsweie still um Julius Otto Grimm (1827–1903) geblieben. Lag es an seinem vergleichsweise geringen kompositorischen Output? Oder an seiner offenbar bescheidenen Persönlichkeit? Oder lag es gar an Münster in Westfalen, das über 43 Jahre sein Wirkungsort war und vielleicht zu abseits lag? Antworten auf diese Fragen werden sich sicherlich nicht im Handumdrehen finden lassen. Umso wichtiger ist es, sein Schaffen erlebbar zu machen. In diesem Sinne legt das Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von Golo Berg nach einem Album mit Musik von Fritz Volbach (1861–1940) eine weitere lokale Erkundungstour vor.

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Tatsächlich erstreckt sich Grimms Œuvre vor allem auf Lieder und Klaviermusik sowie einige kaisertreue Werke aus seiner späteren Schaffensperiode. Kammermusik ist kaum vertreten und Sinfonisches lässt sich leicht listen: eine Sinfonie, drei Suiten und zwei Märsche. Im chronologischen Überblick finden sich aber auch immer wieder jahrelange Pausen im Schaffen, die offenbar Grimms umfassender Tätigkeit als Dirigent und Chorleiter geschuldet sind. Die konservative Ausbildung am Leipziger Konservatorium und die früh entstandene Freundschaft zu Brahms haben in den großen Partituren jedenfalls ihre Spuren hinterlassen. Wer komponierte in der Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon zwei ausgewachsene Suiten in Kanonform – streng in der Form und doch recht unterhaltsam zu hören? Die hier eingespielte Nr. 2 op. 16 ist übrigens Johannes Brahms gewidmet. Seine bereits 1853 uraufgeführte Sinfonie d-Moll erschien erst 1874 – mit vielen Schumann-Anklängen, die erahnen lassen, warum sich Brahms in dieser Gattung so schwer tat. Die ernste und fraglos seriös ausgearbeitete Partitur macht in der Produktion aus Münster einen starken Eindruck und hilft zugleich, die ästhetische Not reflektierender Komponisten zu begreifen.

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Julius Otto Grimm. Sinfonie d-Moll op. 19; Suite Nr. 2 op. 16 «in Canonform»
Sinfonieorchester Münster, Golo Berg

cpo 555 612-2 (2021)

HörBar #180 – Sinfonisches

Jörg Widmann – Stuttgarter Kammerorchester Hans Winterberg – RSO Belin

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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This entry is part 3 of 5 in the series HörBar #180 – Sinfonisches