24. Februar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Jörg Widmann – Stuttgarter Kammerorchester

Jörg Widmann – Stuttgarter Kammerorchester
Jörg Widmann – Stuttgarter Kammerorchester
Es ist ein Album, das mit seiner vielschichtigen Konzeption überzeugt. Im Zentrum steht dabei (auch was die Track-List angeht) Jörg Widmanns Ikarische Klage – eine frühe Komposition von 1999, gleichwohl schon wegweisend und keinesfalls für eine spätere Kanzellierung bestimmt. Um Ikarus und seinen Höhenflug geht es auch im übertragenen Sinne über alle drei Werke. Denn bei Felix Mendelssohn und Erich Wolfgang Korngold begann das kompositorische Schaffen schon früh im Kindes- und Jugendalter. Vom Himmel gestürzt ist freilich niemand. Auch wenn Mendelssohn bereits mit 38 Jahren starb, hinterließ er doch ein Œuvre, auf das andere wohl nur mit Neid schauen konnten. Und die Musik von Korngold, der viel lange so missverstanden in der Ecke der Musikgeschichte stand, hat keinesfalls ihre Flügel verloren.

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Hört man das Album in Ruhe durch, wird rasch klar, wie sehr die drei hier eingespielten Werke untereinander korrespondieren – und dies nicht nur mit Blick auf die klanglich prägende reine Streicherbesetzung, sondern auch (im weitesten Sinne) nach Fraktur und Idee. Da schwelgt etwa Korngold in der Mitte des langsamen Satzes in hohen Violinen, um dann doch ganz erdig zu werden. Man hört auch die teilweise kontrapunktisch verzahnten Stimmen – und fühlt sich an Mendelssohn erinnert, der mit tragischem Ernst und polyphonem Satz eine einsätzige Partitur schrieb. Und Widmann? Seine Ikanische Klage ist eben kein bloß programmatisches Werk, sondern reflektiert den mythologischen Sturz des zur höchsten Höhe strebenden mit gleißenden Sonnen-Flageoletts, in die sich mehr und mehr das Dunkel der Bässe Raum verschafft. Den Höhenflug greift auch das Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung von Jörg Widmann auf – und lässt so manch andere Produktion im Nebel verschwinden. Hier zeigt sich, was ein engagiertes, intellektuell durchdrungenes Dirigat alles bewirken kann.

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Nachtrag. In der Orchester-Bio findet sich der Hinweis, das SKO wäre das erste deutsche Orchester, das «von Noten auch Tablets» umgestellt hätte. Nun hoffe ich, dass auch die Tablets Noten abbilden können. Mehr aber noch verwundern aber die Fotos von der Produktion (S. 18f.), auf denen eindeutig „echte” Stimmen zu sehen sind.

Felix Mendelssohn Bartholdy. Sinfonie für Streicher h-Moll op. 10 MWV N 10; Jörg Widmann. Ikarische Klage für Streichorchester (1999); Erich Wolfgang Korngold. Symphonische Serenade für Streichorchester op. 39 (1947/48)
Stuttgarter Kammerorchester, Jörg Widmann

Channel Classics CCS 49225 (2021)

HörBar #180 – Sinfonisches

Erkki Melartin. Symphonie Nr. 5

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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