Erkki Melartin – Turku Philharmonic OrchestraGroße Nationalkomponisten waren im ausgehenden 19. Jahrhundert sicherlich ein Segen, wenn es um die kulturelle Selbstfindung und Identifikation ging. Oft genug erwiesen sie sich jedoch auch als Fluch für all jene Komponisten, die fortan im Schatten dieser Riesen blieben. In Finnland etwa hat Jean Sibelius mindestens auf zwei Generationen gewirkt – weniger stilistisch, sondern vielmehr wie ein Mantel, der alles umhüllte und verdeckte. Dabei gibt es so viel Erstaunliches neben und nach ihm zu entdecken – wenn man es denn hervorholt und (ein)spielt. Ein Beispiel sind die Sinfonien Nr. 5 & 6 von Erkki Melartin (1875–1937), die nun wieder (nach der letzten Produktion beim Label Ondine vor nunmehr fast 30 Jahren) aus dem Schatten gezogen werden. Sie klingen zwar nicht weniger typisch als die bewährten Topoi für das Land der Wälder und Seen, sind aber doch rauer und kantiger.
Werbung
Dies gilt insbesondere für die 6. Sinfonie aus dem Jahre 1935, in der die vier Elemente eine Rolle spielen und die einst von den Kritikern gefeiert wurde. Zurecht – denn vom allgegenwärtigen Sibelius ist hier nur hier und da etwas zu verspüren (meist sind es bestimmte Klangeinstellungen, die geradezu nach einer fundierten musiktheoretischen Aufarbeitung verlangen). Melartin zeigt sich dabei vor allem in den Ecksätzen ernst, teils nachdenklich, teils mit brillanten Passagen, keinesfalls aber überrumpelnd, sondern trotz zyklischer Motivik sich immer selbst auf Abstand haltend. Ganz anders klingt die zwanzig Jahre früher entstandene Sinfonia brevis (1914/15) mit ihren weiten melodischen Linien, mal lyrisch verträumt, mal dramatisch zugespitzt – und dies alles vor der Uraufführung von Sibelius’ wegweisender Sinfonie Nr. 5. Die Neueinspielung bringt all dies (wenn auch nicht mit letzter Strahlkraft) auf den Punkt. In Turku weiß man genau, worauf es bei solch’ vergessenen Partituren ankommt.
Werbung
Erkki Melartin. Symphonie Nr. 5 a-Moll op. 90 («brevis»); Symphonie Nr. 6 op. 100
Turku Philharmonic Orchestra, Ari Rasilainen cpo 555 558-2 (2022)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.