7. Januar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Telemann – 1721

Telemann – 1721
Telemann – 1721
Ob es früher den Menschen auch so erging, dass sie beim Schreiben des Datums eine Zeit lang aus Gewohnheit noch am alten Jahr festhielten? Jedenfalls handelt es sich beim «Anno Domini» nicht um irgendeine Zählung, sondern seit der Verschriftlichung auch des Alltags um Anhaltspunkte, Marksteine oder gar Einschnitte. Und häufiger als man vielleicht vermutet, dienen solche Jahreszahlen auch als Motto für ein Album – auch wenn die Kontexte oftmals unterschiedlich sind. Der 21. September 1721 war jedenfalls nicht nur für Hamburg, sondern auf sehr lange Sicht hin auch musikgeschichtlich ein wegweisendes Datum. An diesem Tag leitete Georg Philip Telemann als frisch gewählter Kantor und Director Musices der Hansestadt erstmals die reguläre Kirchenmusik. Er blieb über 45 Jahre bis zu seinem Tod im Amt; Nachfolger wurde sein Patensohn Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788).

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In der nie langweilig werdenden Reihe der Telemann-Einspielungen beim Label cpo blickt diese Folge auf die drei damals (wenigstens teilweise) aufgeführten Kantaten zurück. Dass es sich dabei um Kompositionen handelte, die bereits Jahre zuvor in Eisenach und Frankfurt entstanden waren und nur den aktuellen aufführungspraktischen Gegebenheiten angepasst wurden, blieb damals unbekannt. Verblüffend ist bis heute die Vielfalt der verwendeten Satztechniken und Ausdruckscharaktere, mit denen Telemann sich musikalisch vorstellte: heiter und konzertant mit «Gesegnet ist die Zuversicht» (TWV 1:616), ernst und kontrapunktisch mit «Kommt her zu mir alle» (TWV 1:1008) und schließlich mit «Es ist ein großer Gewinn» (TWV 1:502) so etwas wie eine persönliche Reverenz gegenüber der Stadt und dem präferierten Textdichter, dem Hamburger Pastor Erdmann Neumeister. – Sehr ausgeglichen und textverständlich präsentieren sich die vier Gesangssolist:innen als Ensemble (auch gemeinsam als «Tutti»-Chor). Die einfach besetzte, doch im Continuo fundierte Hamburger Ratsmusik setzt die Kantaten souverän um, wenngleich gelegentlich die letzte gestalterische Freiheit fehlt. Die einstige Predigt und Liturgie werden durch vier interpolierte Fantasien für Viola da gamba ersetzt (TWV 40). Eine schöne Idee, obwohl der kammermusikalische Zuschnitt sich für mich nicht als ganz passend erweist.

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Georg Philipp Telemann
Hamburger Amtsantritts-Kantaten (1721)
Gesegnet ist die Zuversicht (TWV 1:616); Kommt her zu mir alle (TWV 1:1008); Es ist ein großer Gewinn (TWV 1:502); Fantasien für Viola da gamba Nr. 5, 9, 10, 12 (TWV 40 Nr. 30, 34, 35, 37)
Hanna Zumsande (Sopran), Geneviève Tschumi (Alt), Mirko Ludwig (Tenor), Klaus Mertens (Bass), Hamburger Ratsmusik, Simone Eckert (Viola da gamba und Leitung)

cpo 555 542-2 (2023)

HörBar #175 – Anno Domini

Weimar – 1755

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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This entry is part 1 of 2 in the series HörBar #175 – Anno Domini

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