5. April 2025 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Ravel / London Symphony Orchestra

Ravel / London Symphony Orchestra
Ravel / London Symphony Orchestra
«Nach ,Daphnis et Chloé’ wird es schwierig sein, die Technik von Ravel weiterhin mit der minutiösen Fertigkeit von Matrosen zu vergleichen, die im Innern einer Flasche geduldig einen winzigen Dreimaster auftakeln.» Mit diesen Worten räumte Émile Vuillermoz bereits kurz nach der Uraufführung des Balletts im Frühsommer 1912 mit offenbar feststehenden Topoi und Bildern auf (Revue Société Internationale de Musique, 15. Juni 1912). Heute ist es kaum noch vorstellbar, Ravels Musik mit dem Kunsthandwerk eines Buddelschiffs zu vergleichen. Vielleicht war es aber gerade der große Wurf dieser knapp einstündigen sinfonischen Partitur, die damals verblüffte. Denn Ravel entwarf einen fulminanten Verlauf – ein sich entwickelnder Klangrausch, zu dem dann auch noch die Stimmen eines vokalisierender Chores hinzutreten.

Die Einspielung entfaltet ihre Qualität vor allem am späten Abend, wenn draußen Ruhe eingekehrt ist – oder unter guten Kopfhörern. Erst dann werden die atmosphärische Dichte der Partitur und ihre exzellente Umsetzung sichtbar und hörbar. Wer auf eine analytischere Interpretation der vielschichtigen Partitur spekuliert, wird freilich nicht ganz glücklich. Denn Pappano setzt auf eine klanglich sehr breit angelegte Interpretation, die vor allem Atmosphäre schafft und damit einen beträchtlichen Sog entwickelt. Auch wenn Ravel selbst noch vor der eigentlichen Uraufführung des Balletts eine erste Suite für den Konzertsaal herauszog, lässt sich die Bedeutung der Komposition nur im Gesamtwerk ermessen. Die vorliegende Live-Einspielung erfüllt mit ihrem klanglichen und dynamischen Spektrum und einer sehr klug disponierten Dramaturgie zwischen einer Entspannung in Linien und einer bisweilen zupackenden musikalischen Kontraktion alle Voraussetzungen dafür.

Maurice Ravel. Daphnis et Chloe (Ballett)
Tenebrae, London Symphony Orchestra, Antonio Pappano

LSO 0899 (2024)

HörBar<< Ravel / Jean-Francois Heisser

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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Teil 2 von 2 in Michael Kubes HörBar #150 – Ravel 150

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