Die Einspielung entfaltet ihre Qualität vor allem am späten Abend, wenn draußen Ruhe eingekehrt ist – oder unter guten Kopfhörern. Erst dann werden die atmosphärische Dichte der Partitur und ihre exzellente Umsetzung sichtbar und hörbar. Wer auf eine analytischere Interpretation der vielschichtigen Partitur spekuliert, wird freilich nicht ganz glücklich. Denn Pappano setzt auf eine klanglich sehr breit angelegte Interpretation, die vor allem Atmosphäre schafft und damit einen beträchtlichen Sog entwickelt. Auch wenn Ravel selbst noch vor der eigentlichen Uraufführung des Balletts eine erste Suite für den Konzertsaal herauszog, lässt sich die Bedeutung der Komposition nur im Gesamtwerk ermessen. Die vorliegende Live-Einspielung erfüllt mit ihrem klanglichen und dynamischen Spektrum und einer sehr klug disponierten Dramaturgie zwischen einer Entspannung in Linien und einer bisweilen zupackenden musikalischen Kontraktion alle Voraussetzungen dafür.
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Maurice Ravel. Daphnis et Chloe (Ballett)
Tenebrae, London Symphony Orchestra, Antonio Pappano LSO 0899 (2024)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.