4. April 2025 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Ravel / Jean-Francois Heisser

Ravel / Jean-Francois Heisser
Ravel / Jean-Francois Heisser
Kinder, wie die Zeit vergeht! Dieser knappe Satz (überhaupt: was für eine schöne Weisheit doch in den schlichten Worten steckt) hat es in den 1930er-Jahren zu einem Schlager gebracht – und wer mit seinen ganz individuellen Bezugspunkten die Formulierung durchdenkt, der wird sie in jedem Lebensalter immer wieder bestätigen. Aber Hand aufs Herz: Wer erinnert sich noch an 1975 und den 100. Geburtstag von Maurice? Jetzt also ist es schon der 150. – was die Sache für die eigene Biographie kaum besser macht. Doch wie wird der Großmeister der feinen Farben gefeiert? Im Konzertsaal sehe ich kaum Schwerpunkte, auch auf CD (und in Streaming) herrscht derzeit eher Flaute als eine frischende Brise. Die Gründe mögen vielfältig sein – und doch: Was wäre die Musik des 20. Jahrhunderts ohne ihn? Wo und wie hat er beeinflusst und selbst Marksteine gesetzt?

Antworten auf diese Fragen bleibt dieses Album aus dem westfranzösischen Poitier jedenfalls schuldig – auch wenn der dortige Konzertsaal sensationell sein soll. Im Kern liefern Jean-François Heisser (Klavier und Dirigat) und das Orchestre de Chambre Nouvelle-Aquitaine eine sehr solide Einspielung des 21. Jahrhunderts: spieltechnisch souverän umgesetzt, akustisch transparent wie ausgeglichen aufgenommen. Und doch stellen sich schon beim ersten Hören Vorbehalte ein: Alles klingt bei aller Makellosigkeit ein wenig verhalten, jedenfalls blutleer und ohne den Geist, den ich von dieser Musik erwarte (und schon oft gehört habe). Was also ist passiert? Der Blick ins Kleingedruckte scheint eine Erklärung zu liefern, denn die Einspielungen entstanden 2020/21 – zu einer Zeit, als man hie und da noch mit viel Abstand arbeiten musste. Jedenfalls hat das Label die Produktionen für 2025 « aufgespart», was auch immer damit bezweckt werden sollte. Den langsamen Satz des Klavierkonzerts habe ich schon vielfach poetischer, gleichsam entrückter gehört, das Ende von Ma mère l’oye selbstverständlicher intoniert. Und doch geht von der Einspielung ein gewisser Reiz aus – vielleicht, weil ein gewisses musikantisches Element durchschimmert, besonders spürbar im Tombeau de Couperin.

Ravel. L’Alchimiste
Maurice Ravel. Klavierkonzert G-Dur; Ma mère l’oye; Le tombeau de Couperin (Orchesterfassung); Pavane pour une infante defunte (Orchesterfassung)
Jean-François Heisser (Klavier), Orchestre de Chambre Nouvelle-Aquitaine

Mirare MIR 582 (2020, 2021)

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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  • Ravel / Jean-Francois Heisser
Teil 1 von 1 in Michael Kubes HörBar #150 – Ravel 150

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