27. Mai 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Anton Bruckner / Jakub Hrůša

Anton Bruckner / Jakub Hrůša
Anton Bruckner / Jakub Hrůša
Wer in einer Bibliothek einmal einen Blick auf die vielen blauen Bände der Gesamtausgabe geworfen hat, der weiß mit Sicherheit, dass es bei Anton Bruckner keineswegs die eine verbindliche Fassung einer Sinfonie gibt und geben wird. Bei der Nro. 3 ist dies wegen der ursprünglich vorgesehenen und dann gestrichenen Wagner-Zitate weithin bekannt. Bei der Nro. 4, die man als die «Romantische» wahrnimmt, wohl eher weniger. Dabei bietet gerade dieses Werk einen tiefen Einblick in die Werkstatt des Komponisten, der in nicht unerheblichem Maße revidierte, verwarf, vollständige Sätze austauschte – und damit immer wieder eine andere, ganz eigene Werkgestalt schuf. Davon zeugt im heutigen Konzertleben noch die in der Regel hinter dem Titel stehende Angabe der Jahreszahl – auch wenn üblicherweise die Fassung von 1878/80 nach Haas oder Nowak gespielt wird.

Mehr Licht in den philologischen Nebel der drei gezählten Fassungen des Werkes (hinter denen sich allerdings eher sieben Versionen verbergen) bringt nun diese singuläre, außergewöhnliche, sensationelle Produktion. Wissenschaftlich begleitet von Benjamin Korstvedt ist hier auf insgesamt vier CDs quasi eine klingende Dokumentation der 4. Sinfonie entstanden mit drei vollständigen Einspielungen und einem umfangreichen Supplement mit nochmals alternativen Lesarten und Fassungen einzelner Satzteile und Sätze (etwa dem «Volksfest»-Finale). Wer schon eine Vorstellung von den Differenzen der Fassungen hatte, kann hier unmittelbar und auf identischem musikalischen Niveau vergleichen – und wird wohl am Ende für jede einzelne Fürsprache und Widerrede halten können. Es ist zugleich eine der ganz wenigen Produktionen, die in den letzten Jahren philologische Arbeit haben hörbar werden lassen. Nun müssten die divergierenden Lesarten nur noch optisch dargestellt werden, um alles präzise nachvollziehen zu können. Musikalisch begeistern Jakub Hrůša und die Bamberger Symphoniker in den Aufnahmen mit ihrer nicht nachlassenden Präzision und Präsenz, bei der zwischen intensiver Interpretation und dem puren Dienst am Werk ein wundervoller Ausgleich gefunden wurde. Dies äußert sich im Vergleich einzelner Sätze und Passagen in der differenzierten Dynamik und Artikulation, ebenso in den bewusst gestalteten und in Relation gesetzten Tempovorschriften. Insofern besitzt die Produktion bleibenden Referenzcharakter. Sie gehört nicht nur in jede gute Sammlung, sie sollte auch mit einer Partitur in der Hand durchgehört werden. Der Respekt vor Bruckner und seinem Werk wird dabei nur noch mehr wachsen.

Anton Bruckner. Sinfonie Nr. 4 in drei Versionen mit alternativen Sätzen und Entwürfen
Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša

Accentus ACC 30533 (2020)

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Teil 1 von 5 in Michael Kubes HörBar #051 – Sinfonisches