30. November 2020 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Brahms: Sinfonien – Wiener Symphoniker / Philippe Jordan

Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker haben in den letzten Jahren mit ihrer schrittweise erschienenen Gesamteinspielung der Beethoven-Sinfonien überzeugt – klanglich ausgewogen und präsent, interpretatorisch gleichermaßen den Traditionen verbunden wie auch frisch im Zugriff. Nun also Brahms. Die Box überrascht (wie vor einiger Zeit auch bei Daniel Barenboim) mit der Entschlossenheit, jede der vier Sinfonien auf eine CD zu bannen, obwohl zumindest Nr. 3 und 4 zu koppeln gewesen wären. Zugleich wurde auf das bei solch einer Gelegenheit oft übliche sinfonische „Supplement“ verzichtet: kein Auffüllen der Spielzeit mit den Haydn-Variationen oder den beiden Ouvertüren, geschweige denn den zwei so selten gekoppelten früheren Serenaden. So kann man sich beim Hören sorgenfrei auf wirklich ein Werk konzentrieren, ohne dass (wie so oft nach einer viel zu kurzen Pause) die nächste Nummer das Nachsinnen unterbricht.

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Umso mehr fällt auf, mit welch aufgelockerten Tempi Jordan die Partituren angeht – fast könnte man von einem Hauch Pariser Flair sprechen, so elegant und pulsierend fühlen sich hier die Werke in ihren gewichtigen Ecksätzen an; von melancholischer Schwere ist wenig zu spüren. So mutet dieser Brahms in seinem flüssigen Strömen vergleichsweise gefällig an, ohne markige Kanten, ohne schweren Atem. Mit Blick auf die Interpretationsgeschichte sicherlich die Chance, den vier Sinfonien einmal aus einer anderen, frankophonen(?) Perspektive näher zu kommen, zumal die Wiener Symphoniker sich bei diesen Live-Mitschnitten (an nur vier aufeinander folgenden Tagen) sich als Klangkörper mit wunderbar ausgewogenem kultivierten Sound auszeichnen. Jedenfalls hat Philippe Jordan am Ende seiner Amtszeit einen bemerkenswerten, auch zu Diskussionen anregenden Schlusspunkt gesetzt. Akustisch wirkt die Aufnahme aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins übrigens bemerkenswert realistisch, so dass sich der Raum mit all seinen Charakteristika (einschließlich der weit tragenden tiefen Frequenzen) vor dem inneren Auge abbildet.


Johannes Brahms. Sinfonien Nr. 1–4,
Wiener Symphoniker, Philippe Jordan
WS 021 (2019)

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