19. Mai 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Horn Trios

Horn Trios
Horn Trios
Eigentlich könnte die kleine Gruppe der Trios für Violine, Horn und Klavier zur Gattung «Klaviertrio» gezählt werden – wenn da nicht die Besetzung selbst und die damit verbundene spezifische Faktur wären. Denn das Horn drängt sich, ohne dass es durchgehend führen würde, klanglich als markanter Gegenpart in den Vordergrund, verlangt aber als Instrument mittlerer Lage eine Behandlung, die eben kein Violoncello substituiert. Der Bass verbleibt damit in der Regel in der linken Hand am Klavier. Kein Wunder also, dass dieses Album nicht das erste und einzige ist, das die Bezeichnung «Horn Trios» trägt – und natürlich auf Brahms’ op. 40 als Referenz innerhalb des Repertoires verweist (oder gar verweisen muss). Dass das Werk von 1865 auch später noch eindeutiger Bezugspunkt ist, zeigen die beiden hier eingespielten Partituren jüngeren Datums von Lennox Berkeley (1903–1989) und Jonathan Leshnoff (*1973).

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Dabei muss man allerdings etwas von den jeweils recht unterschiedlichen Stilen abstrahieren. So präsentiert sich das Trio (1952) von Lennox Berkeley in einem verspäteten Neoklassizismus mit Pariser Einschlag (teleologisch gedacht), während das nur zwei Sätze umfassende Trio (2016) von Jonathan Leshnoff postmodern mit dramatisch wirkungsvollem Aufbau ist, aber auch eine Spur zu gefällig. Überraschend ist hier der erste Satz, der nachgerade bei Brahms anknüpft – im Charakter, in der Motivik und bis hinein hinein in einzelne Harmoniefolgen. Eine Art von Dialog mit der Vergangenheit, wie man ihn für eine entwickelte Gattungsästhetik tatsächlich verlangt. Auch das Finale scheint mit Brahms in einen Dialog zu treten, wirkt aber mitunter seltsam flächig. Berkeley hingegen setzt in seinem «Full-Size-Trio» auf ganz eigene Töne und eine mehr offenere Anlage des Satzes. Interpretatorisch wird man den Werken freilich nicht in all ihren Aspekten gerecht. Dem mitunter schmissigen Witz bei Berkeley fehlt es spürbar an Eleganz, der Weite bei Leshnoff an Kohärenz. Bei Brahms scheint mir der wehmütige Ton kaum realisiert. Dennoch ist dies ein Album, das gerade wegen der zusammengestellten Kompositionen überaus instruktiv ist und zum Nachdenken über einzelne Elemente einer musikalischen Poetik einlädt.

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Horn Trios
Lennox Berkeley. Trio für Violine, Horn und Klavier op. 44 (1952); Johannes Brahms. Trio für Violine, Horn und Klavier op. 40 (1865); Jonathan Leshnoff. Trio für Horn, Violine und Klavier (2016)
David Cooper (Horn), Alexander Kerr (Violine), Orion Weiss (Klavier)

Naxos 8.579137 (2017)

HörBar #187 – Horn & Hörner

Horn Legacy – Hervé Joulain

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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