Mathilde Kralik von MeyrswaldenMehr als 100 Jahre sind vergangen, seit Mathilde Kralik von Meyrswalden (1857–1944) ihre großformatige Sinfonie vollendet hat. Und weitere fünf Jahre sind seit der Uraufführung am 18. September 2021 im Brucknerhaus Linz ins Land gezogen, bis nun endlich ein Mitschnitt erscheint. War es auf der einen Seite das nahezu komplette Vergessen der Komponistin und ihres bis dahin ungedruckten Werkes, so hätte die Aufnahme auf der anderen Seite durchaus auch früher einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Denn das von Silvia Spinnato geleitete Female Symphonic Orchestra Austria (FSOA) muss sich keineswegs verstecken – insbesondere bei einer Partitur, die Herausforderungen birgt: Mathilde Kralik fügte 1942 in das Finale noch eine Sopranstimme mit eigenen Versen hinzu und änderte in diesem Zuge auch den Titel des Werkes in Hymnische Symphonie.
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Man hört auf Schritt und Tritt, dass Mathilde Kralik eine Bruckner-Schülerin war, zugleich aber erkennt man auch einen darüber hinaus gehenden Tonfall und eine thematische Erfindung, die eher im Mahler-Umfeld anzusiedeln wäre – was aber nicht ganz aufgeht, denn chronologisch wäre hier maximal bis zur 4. Sinfonie zu denken. Einer fundierteren Einordnung wäre sicherlich auch eine tiefere biographische Skizze an die Seite zu stellen. Dass auf dieses sinfonische Pfund erst jetzt, nach vielen Jahren und wenigstens zwei Jahrzehnten der massiv propagierten Wiederentdeckung von Komponistinnen, bekannt, aufgeführt und als Album produziert wird, stimmt mich jedenfalls verwundert. Die Partitur hat das Zeug, durchaus öfter und nicht nur auf Festivals auf den Spielplan gesetzt zu werden. Für das vokale Solo im Finale benötigt man allerdings entweder eine überwältigende Stimme und / oder (wie in Linz) eine gut disponierte Verstärkung – oder man lässt es mit Blick auf die ursprüngliche Fassung weg. Hier hat eine große Sinfonie nach einem langen Dornröschenschlaf das Licht der Welt erblickt. Möge sie eine große Zukunft haben.
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.