28. März 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Elsa Barraine

Elsa Barraine
Elsa Barraine
Es wird wohl vielen Musikliebhaber:innen gehen wie mir. Da glaubt man, vieles zu kennen oder zumindest schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Und dann gibt es die verblüffenden «Oh?-Momente» wie diesen. Denn von Elsa Barraine (1910–1999) hat man im deutschsprachigen Raum wohl kaum etwas – oder: eigentlich rein gar nichts gehört. Dabei war sie, überfliegt man nur den Rahmen ihrer Biographie eine schillernde Persönlichkeit – sowohl als Komponistin als auch institutionell. Sie studierte unter anderem bei Paul Dukas, gewann zweimal den Prix de Rome (1929 mit einer Kantate, 1947 mit der Sinfonie Nr. 2), leitete ab 1944 das Label Le Chant du Monde, wurde 1953 Professorin am Conservatoire und hatte zuletzt eine hochrangige Position im französischen Kulturministerium inne. Die üblichen Nachschlagewerke werden diesem Wirken nicht gerecht – man muss schon auf den französischsprachigen Wiki-Artikel zurückgreifen, der dann auch mit einer langen Werkliste aufwartet, darunter mehr als 30 sinfonische Partituren.

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Umso erstaunlicher ist es, dass nun binnen kürzester Zeit ihre ersten beiden so auch bezeichneten Sinfonien gleich zweimal eingespielt wurden – höchst unterschiedlich zumal. Das im Februar bei Warner Classics erschienene Album mit dem Orchestre National de France unter Cristian Măcelaru ist für meine Ohren vergleichsweise blass ausgefallen und verschenkt die Entdeckungen. Anders die Produktion bei cpo mit dem WDR Sinfonieorchester Köln unter Elena Schwarz aus dem letzten Jahr: Sie ist akustisch absolut direkt, interpretatorisch zupackend und mit spürbarem Elan im Orchester. Sie überzeugt so sehr, dass es unverständlich ist, warum diese Kompositionen im Musikleben bisher keinen Platz gefunden haben. Es ist die Kraft dieser in jedem Takt präsenten und frei von Ismen notierten Musik, die mitreißt. Elsa Barraine schreibt auf eigene Weise und mit einem weiten Blick auf dramaturgische Abläufe – sowohl was die Melodik als auch die Harmonik betrifft. Dies betrifft auch die Musique funèbre pour la Mise au tombeau du Titien (1953), eine Trauermusik zur Grablegung des Tizian, die in den 1950er Jahren geradezu oppositionell zu all jenen seriellen Klängen steht, mit denen eine jüngere Generation nach «Schönbergs Tod» die Musikgeschichte radikal aufzuräumen versuchte. Ein sensationelles Album.

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Elsa Barraine. Sinfonie Nr. 2 (1938); Illustration symphonique pour Pogromes d’André Spire (1933); Sinfonie Nr. 1 (1931); Musique funèbre pour la Mise au tombeau du Titien (1953) für Klavier und Orchester
Alberto Carnevale Ricci (Klavier), WDR Sinfonieorchester Köln, Elena Schwarz

cpo 555 704-2 (2024)

HörBar #183 – Sinfonisches

Mathilde Kralik von Meyrswalden

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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This entry is part 4 of 4 in the series HörBar #183 – Sinfonisches

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