22. März 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Early Piano Works – Ulrich Roman Murtfeld

Early Piano Works – Ulrich Roman Murtfeld
Early Piano Works – Ulrich Roman Murtfeld
Ein Album, das man daheim nicht so rasch aus dem Auge verlieren sollte. Denn hier stimmen das Programm, die Interpretation wie auch die klangliche Realisation durch die Tonmeisterei. Oder um nochmals aus einer anderen Perspektive anzusetzen: Ulrich Roman Murtfeld ist ein Pianist, den man live erleben möchte. Sein Spiel zeichnet sich nicht nur durch technische Souveränität aus, sondern auch durch kultivierten Anschlag und charakteristischen Ton – und mehr noch sowie entscheidend: durch ein gestalterisches Vermögen, das sowohl intellektuell den Notentext durchdringt als auch musikalisch atmet. Unter seinen Händen klingt etwa der hier verwendete Steinwy D nicht bloß brillant, sondern in einer Vielzahl von Farben mehrdimensional und erstaunlich warm.

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Genauso wichtig (oder noch wichtiger) ist das Konzept des Albums mit frühen Werken von gleich vier Komponisten, die alle im selben Jahr geboren wurden – früh verstarben oder wenigstens ein mittleres Alter erreichten: Frédéric Chopin (1810–1849), Norbert Burgmüller (1810–1836), Ludwig Schuncke (1810–1834), Robert Schumann (1810–1856). Es ist dabei erstaunlich, wie Schumann als kritischer Chronist seiner Gegenwart Schunke und Burgmüller gewürdigt hat und auch Chopins Genie schon früh erkannte: «Hut ab – ihr Herren – ein Genie.» Die eingespielten Werke entstanden alle zwischen 1825 und 1834 in einer Zeit des Rückzugs in den privaten Salon, da es damals um Europa, die staatliche Integrität Polens und die aufblühende Demokratie nicht gut stand. Fraglich, ob sich das in der aufkeimenden Virtuosität als Gegenbild spiegelt. Aber irgendwie lässt einen der Gedanke nicht los, dass die Werke einen Widerpart bilden und eben mehr sind als nur Variationen, Capricen und Toccaten. Jedenfalls inspirieren die musikalischen Interpretationen von Ulrich Roman Murtfeld zu solchen Gedankengängen.

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Early Piano Works
Frédéric Chopin. Variationen über «Là ci darem la mano» op. 2; Rondo c-Moll op. 1; Norbert Burgmüller. Rhapsodie h-Moll op. 13; Polonaise F-Dur op. 16; Mazurka Es-Dur; Ludwig Schuncke. Scherzo capriccioso op. 1; Premier Caprice C-Dur op. 9; Das Heimweh; Robert Schumann. Abegg-Variationen op. 1; Toccata C-Dur op. 7
Ulrich Roman Murtfeld (Klavier)

audite 97.811 (2022)

HörBar #182 – Juvenilia

George Enescu – Fine Arts Quartet

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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