28. Februar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Hans Winterberg – RSO Belin

Hans Winterberg – RSO Belin
Hans Winterberg – RSO Belin
Es gibt Wiederentdeckungen von Komponisten – und es gibt absolute Entdeckungen. Zu Letzteren zählt Hans Winterberg (1901–1991), von dem bis vor wenigen Jahren wohl nur ganz wenige etwas gehört hatten. Die erste Veröffentlichung eines seiner Werke auf Tonträger dürfte sogar erst 2018 erfolgt sein. Wenn man sich seine Biographie erzählen lässt, werden einem wieder einmal die vielen unterschiedlichen Schicksale in de Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts bewusst. Um ein Haar wäre zudem der Nachlass in den verschlossenen Schränken eines Archivs auf unabsehbare Zeit verschwunden … Dabei handelt es sich bei Winterberg um eine sehr eigenständige Stimme. Seine Werke bilden zudem ein Scharnier zwischen der tschechischen und deutschen Musik, wie sie bis in die späten 1930er Jahre bestand. Dann aber verschwand eine ganze Komponistengeneration bis auf Bohuslav Martinů – und Winterberg.

Werbung

Dass Winterberg fast bis zum Schluss nicht in den Strudel des Antisemitismus und der Deportationen geriet, war wohl lediglich dem Umstand geschuldet, dass sich Vater sein beim großen Zensus von 1930 als Tschechoslowake bekannte. So rutschte er lange durch die Maschen des eng ausgeworfenen Netzes. Nach dem Krieg folgte er seiner ausgewiesenen Ex-Frau und der gemeinsamen Tochter nach München, unterrichtete und komponierte – über das «Auffinden» des Grabes, der Biographie und der Werke berichtet sein Enkel Peter Kreitmeir ausführlich als ein Stück erschütternder Zeitgeschichte. – Wer nach stilistischen Anknüpfungspunkten sucht, muss wohl bis in die Klasse von Alois Hába am Prager Konservatorium zurückgehen. Denn Winterberg ist einzigartig mit seinen freitonalen, durch harmonische Schwerpunkte gestützten Verläufen, seinem eher tschechisch inspirierten Melos und seiner geordneten Rhythmik, die sich in der Rhythmophonie vielfach überlagert. Die Entdeckung Winterbergs hat gerade erst begonnen, viele Fragen sind noch unbeantwortet. Doch schon jetzt zeigt sich mit ihm, wie «ungerade» ein Weg auch in Mitteleuropa und der jungen Bundesrepublik verlaufen konnte. Die Aufnahme der drei sinfonisch-konzertanten Werke aus unterschiedlichen Jahrzehnten gleicht einem Plädoyer wider das Vergessen.

Werbung

Hans Winterberg. Sinfonie Nr. 1 «Sinfonia drammatica» (1936); Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 (1948); Rhythmophonie (1966/67)
Jonathan Powell (Klavier), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Johannes Kalitzke

Capriccio C 5476 (2021)

HörBar #180 – Sinfonisches

Julius Otto Grimm – Sinfonieorchester Münster

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

    View all posts
hoerbar_nmz

Der HörBar-Newsletter.

Tragen Sie sich ein, um immer über die neueste Rezension informiert zu werden - entweder täglich oder mit den Rezensionen der vergangenen Woche am Sonntag.

Liste(n) auswählen:
DSGVO-Abfrage*

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

This entry is part 4 of 4 in the series HörBar #180 – Sinfonisches

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.