
Dass Winterberg fast bis zum Schluss nicht in den Strudel des Antisemitismus und der Deportationen geriet, war wohl lediglich dem Umstand geschuldet, dass sich Vater sein beim großen Zensus von 1930 als Tschechoslowake bekannte. So rutschte er lange durch die Maschen des eng ausgeworfenen Netzes. Nach dem Krieg folgte er seiner ausgewiesenen Ex-Frau und der gemeinsamen Tochter nach München, unterrichtete und komponierte – über das «Auffinden» des Grabes, der Biographie und der Werke berichtet sein Enkel Peter Kreitmeir ausführlich als ein Stück erschütternder Zeitgeschichte. – Wer nach stilistischen Anknüpfungspunkten sucht, muss wohl bis in die Klasse von Alois Hába am Prager Konservatorium zurückgehen. Denn Winterberg ist einzigartig mit seinen freitonalen, durch harmonische Schwerpunkte gestützten Verläufen, seinem eher tschechisch inspirierten Melos und seiner geordneten Rhythmik, die sich in der Rhythmophonie vielfach überlagert. Die Entdeckung Winterbergs hat gerade erst begonnen, viele Fragen sind noch unbeantwortet. Doch schon jetzt zeigt sich mit ihm, wie «ungerade» ein Weg auch in Mitteleuropa und der jungen Bundesrepublik verlaufen konnte. Die Aufnahme der drei sinfonisch-konzertanten Werke aus unterschiedlichen Jahrzehnten gleicht einem Plädoyer wider das Vergessen.
Hans Winterberg. Sinfonie Nr. 1 «Sinfonia drammatica» (1936); Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 (1948); Rhythmophonie (1966/67)
Jonathan Powell (Klavier), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Johannes Kalitzke
Capriccio C 5476 (2021)
