Weimar – 1755«Empfindsamkeit» sowie «Sturm und Drang» sind zwar keine Epochen in den Künsten, wohl aber wichtige Phasen des Übergangs, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts aus dem langen Schatten barocker Gerüste heraustraten und nach neuen, auch subjektiveren, mitunter gar radikal individuellen Ausdrucksweisen suchten. Dieser «Zeitgeist» zwischen den Epochen wies zahlreiche Spielarten auf, die es auch heute noch schwer machen, ein konsistentes musikgeschichtliches Bild zu entwerfen – denn die strukturell wichtigen Institutionen von Kirche und Hof entwickelten sich nach Personen und Orten recht unterschiedlich (die Oper scheint gewissermaßen ein europäisches Eigenleben geführt zu haben). Einen lokalen Ausschnitt präsentiert das Album «Weimar 1755», wobei der Titel auf zwei Gutachten zur Restituierung der Hofkapelle verweist, die der junge Herzog Ernst August II. Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach in jenem Jahr bei Johann Ernst Bach (1722–1777) und Georg Anton Benda (1722–1795) in Auftrag gegeben hatte.
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Bach entwickelte auf Basis seiner Erfahrung als Hofcembalist und Eisenacher Stadtorganist eine günstige Hybrid-Lösung und wurde daraufhin letztlich glückloser Hofkapellmeister, während Benda als Hofkapellmeister beim Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha eine Premium-Version vorschlug. Die hier eingespielten Werke – zwei Sinfonien, zwei Kantaten und ein Magnificat – machen Lust auf mehr aus dieser Zeit, zumal mit diesen herausragenden Interpretation, einer klar zeichnenden Akustik und brillanten Tontechnik: Die Capella Jenensis gestaltet die beiden Sinfonien sehr lebendig und aussagekräftig, ohne die Satzcharaktere zu überzeichnen; die Vokalsolist:innen von Ælbgut treffen einzeln wie auch als Ensemble des «modernen», beinahe allzu weltlichen Ton in Bendas Kantate «Sein Auge hat dich nun gesehen». Bach hingegen präsentierte bei «Mein Odem ist schwach» eine so dicht verwobene Satzkunst und stille Intensität, dass die Komposition früher Johann Sebastian Bach zugeschrieben wurde (BWV 222).
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Johann Ernst Bach. Kantate «Mein Odem ist schwach»; Magnificat «Meine Seele erhebt den Herrn»; Sinfonie B-Dur; Georg Anton Benda. Kantate «Sein Auge hat dich nun gesehen»; Sinfonia D-Dur
Ælbgut, Capella Jenensis Accentus ACC 30665 (2024)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.