22. Januar 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Sondershäuser Harmonie

Sondershäuser Harmonie
Sondershäuser Harmonie
Dass die Harmoniemusik auch noch im 19. Jahrhundert an manchen Stellen auf hohem und höchstem Niveau fortlebte, zeigt dieses alles in allem überraschende Album aus Sondershausen. Das auf eine mehr als 400-jährige Geschichte zurückblickende, heutige Loh-Orchester hat nämlich tief im Archiv gegraben und dabei nicht nur Originäres und Herausragendes, sondern auch eine Größeres unterhaltendes Repertoire ans Licht befördert. Es dokument eine offenbar höchstlebendige Musikkultur am Hofe der Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen, bei der selbst die Blaublütigen zu verschiedenen Instrumenten griffen. Fürst Günther Friedrich Carl I. etwa spielte Pauke und Klarinette und arbeitete gemeinsam mit dem späteren Hofkapellmeister Johann Simon Hermstedt (1774–1846) sowie Instrumentenbauern an neuen (und kuriosen) Mischformen wie dem Basshorn.

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Johann Simon Hermstedt, der für die Entwicklung des Orchesters wichtig war, ist in der Musikgeschichte auch als Freund von Louis Spohr bekannt, der ihm gleich vier Klarinettenkonzerte schrieb, für das Harmoniecorps aber das zu seiner Zeit sehr beliebte und verbreitete Notturno op. 34. Leider bleibt es auf diesem Album (neben zwei Walzern des Stadtorganisten Johann Georg Wilhelm Birnstein) die einzige originale Komposition, rasch gefolgt von Arrangements unbekannter Hand (Hermstedt?): in mehr oder weniger freier Form bearbeitete Passagen aus Webers Freischütz sowie Wagners Tannhäuser-Ouvertüre. Tatsächlich passt das auf dem Cover abgebildete Gemälde einer musikalisch begleiteten Wachparade im Lustgarten des Sondershäuser Schlosses aus dem Jahr 1837 bestens zum Repertoire. Die Bläser des Loh-Orchesters haben darüber hinaus die teils außergewöhnlichen technischen und musikalischen Anforderungen mit deutlich spürbarem Engagement angenommen und durchgehend gestaltend realisiert. – Für die Erreichbarkeit des physischen Albums ist es fatal, dass es an kein Label gebunden ist und sich damit auch die üblichen Vertriebswege nicht so recht funktionieren (für diese Besprechung lag es allerdings vor). Man findet die Produktion aktuell nur bei einigen der üblichen Streaming-Plattformen.

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Sondershäuser Harmonie

Louis Spohr. Notturno für Harmonie- und Janitscharenmusik op. 34; Felix Mendelssohn Bartholdy. Lieder ohne Worte op. 53/1, op. 61/3 und op. 62/4 (Arr.); Johann Georg Wilhelm Birnstein. Zwei Walzer aus: Harmoniemusik; Carl Maria von Weber. Potpourri nach «Der Freischütz» (Arr.); Richard Wagner. Ouvertüre zu «Tannhäuser» (Arr.)
Loh-Orchester Sondershausen, Julian Gaudiano

Theater Nordhausen / Loh-Orchester Sondershausen [ohne Nummer] (2025)

HörBar #176 – Harmoniemusik

Mozart – Complete Wind Music

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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