5. April 2025 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Ravel / Seong-Jin Cho

Ravel / Seong-Jin Cho
Ravel / Seong-Jin Cho
Während das Klavierkonzert G-Dur als Repertoirestück immer wieder auf dem Programm steht und vielfach eingespielt wurde, hat es Ravels Konzert für die linke Hand anhaltend schwer, sich Gehör zu verschaffen. Obwohl beide Werke parallel entstanden sind, scheinen sie doch ganz unterschiedlichen Welten zu entstammen: das eine hell leuchtend und mit feinem, elegantem Esprit, das andere eher düster bis frech-forsch, im Finale eher in sich gekehrt. Komponiert für Paul Wittgenstein (1887–1961) fand dieser denn auch keinen Zugang zum Solopart, so dass es (wie bei anderen Komponisten auch) mit Ravel zu Streitereien über die Interpretation kam.

Aber auch die vorliegende Produktion macht es einem nicht leicht. Da ist zunächst das Marketing: Das Booklet (nur englisch / französischer Text) preist die Veröffentlichung der Einspielung als zum «tenth anniversary of Seong-Jin Cho’s first price victory in the 2015 Warsaw Chopin Competition» an. Wenn man das konsequent weiterdenkt, kann einem schwindlig werden: So viele Wettbewerbe, Preisträger und dann auch noch Jubeljahre lassen sich nur schwer verkraften. Welche Rolle spielt da noch das Kleingedruckte mit den Aufnahmedaten von 2023/24… Aber auch die Einspielung hat ihre Tücken. Dass technisch auf hohem Niveau gespielt wird, versteht sich von selbst. Doch die Akustik macht Probleme, denn einerseits wurden die Mikrofone offenbar weit in den Saal gestellt, so dass im G-Dur-Konzert Klavier und Orchester bisweilen distanziert und vernebelt wirken, während einzelne Linien (Holzbläser) gegenüber den Streichern deutlich hervortreten – wie übrigens auch in der Mitte des ersten Satzes das Harfen-Flageolett. Hier sind Spielereien am Mischpult zu vermuten. Bei aller Klangästhetik gerät dabei die eigentliche Poesie der Musik in den Hintergrund.

Maurice Ravel. Klavierkonzert G-Dur; Konzert für Klavier linke Hand und Orchester D-Dur
Seong-Jin Cho (Klavier), Boston Symphony Orchestra, Andris Nelsons

Deutsche Grammophon 486 6820 (2023/24)

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Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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Teil 3 von 3 in Michael Kubes HörBar #150 – Ravel 150

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