Man sagt, mit der von Janine Jansen gespielten Shumsky-Rode-Stradivari hätten Farben und Ausdruck noch mehr gewonnen. Aber das ist nur ein Blick durchs Schlüsselloch. Eine Künstlerin sollte mehr sein als ihr Instrument, ein Konzert mehr als das Solo, die Einspielung mehr als eine Momentaufnahme. Und hier muss leider Wasser in den Wein gegossen werden. Denn die Produktion trennt akustisch in höchst bedenklicher Weise Solo und Tutti – ein Solo, das oft so präsent ist, wie man es sich von Kammermusik wünscht, ein Tutti hingegen, das kaum Gestalt annimmt, sondern (bei Sibelius) eher einem dichten Herbstnebel gleicht, aus dem hier und da einzelne Gesten oder Linien vage hervortreten und wieder verschwimmen. Schon die ersten Takte klingen so verblüffend wie irritierend: Das sanfte Wehen der Streicher ähnelt einem grauen Rauschen, das Solo steht mehr für sich, als dass es in Kommunikation tritt. Der weitere Verlauf der Orchesterexposition kommt nicht vom Fleck, sondern wirkt wie mit angezogener Handbremse musiziert. Die offene Faktur und Instrumentierung bei Prokofjew gleicht diese Grunddisposition vielfach aus – aber auch hier stehen immer wieder die Feinheiten der Instrumentation hinten an. Seltsam.
Jean Sibelius. Violinkonzert d-Moll op. 47; Sergei Prokofjew. Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 19
Janine Jansen (Violine), Oslo Philharmonic Orchestra, Klaus Mäkelä
Decca 485 4748 (2023)
- Sibelius & Prokofjew / Janine Jansen
- Schumann, Bruch / Niek Baar
- Bruch, Price / Randall Goosby
- Adámek / Isabelle Faust
- Rautavaara / Simone Lamsma