18. Januar 2025 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Christvesper Dresden (1624)

Christvesper Dresden (1624)

Eine schöne Idee, die Uhr musikalisch um genau 400 Jahre zurückzudrehen und bei einer Christvesper in Dresden zu Gast zu sein. Nur wer genau hinschaut – man verzeihe mir diese Beckmesserei – erkennt, dass dem Album zwar ein gelungenes klingendes Konzept zugrunde liegt, nicht aber eine historische Wahrscheinlichkeit. Auch wenn die Weihnachtsgeschichte von Rogier Michael (1553–1623) am sächsischen Hof eine lange Aufführungstradition hatte, so ist die Hinzunahme von Sätzen u. a. von Michael Altenburg, Christoph Demantius, Melchior Franck und Michael Praetorius auf diesem Album nur eine Option (auch wenn die

Teil 5 von 5 in Michael Kubes HörBar #141 – Weihnachten
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Schütz / Roland Wilson

Schütz / Roland Wilson

Noch immer steht die Musik des 17. Jahrhunderts im Schatten des Hochbarock. Das betrifft vor allem die Gattungen: allen voran das instrumentale Concerto, das erst nach der Jahrhundertwende seinen Siegeszug antrat, aber auch im vokalen Bereich die Arie mit dem vorausgehenden Rezitativ, wie es aus der (italienischen) Oper entlehnt wurde. Vor diesen wahrlich radikal neuen Entwicklungen liegt eine Zeit, deren Klangsprache einerseits viel enger am zugrunde liegenden Text ausgerichtet war (auch mittels der musikalisch-rhetorischen Figuren), und andererseits zu unterscheiden war zwischen den komfortabel ausgestatteten Hofkapellen und den eher offenen Besetzungen

Teil 3 von 5 in Michael Kubes HörBar #141 – Weihnachten
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Bach & Händel / AKAMUS

Bach & Händel / AKAMUS

Nicht wahr? Angeblich gibt es genügend musikalische Laien, die ein Musikstück aus der Epoche des Barock für «Kirchenmusik« halten. Es muss der Ernst des Kontrapunkts und der geordnete Generalbass sein (auch in einer neckischen Sonate für Flûte à bec), die dazu verleiten. Man kann das als eine überzeitlich erhabene Universalität dieser Stilmerkmale sehen, die auch unerfahrene Hörer:innen anspricht. Warum sonst sollte Bachs Weihnachtsoratorium immer noch in den Weihnachts-Charts stehen? Die Hörbar wird in dieser Woche jedenfalls einmal ganz ohne das berühmte «WO» auskommen und den Blick auf ganz andere Produktionen

Teil 1 von 5 in Michael Kubes HörBar #141 – Weihnachten
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Gregor Joseph Werner / Requiem

Gregor Joseph Werner / Requiem

In die Musikgeschichte ist Gregor Joseph Werner (1695–1766) vor allem als Vorgänger von Joseph Haydn als Hofkapellmeister in Eisenstadt eingegangen. Glücklicherweise haben sich die Esterházy’schen Archive erhalten – und damit auch ein Großteil der Werke Werners. Diesen widmen sich Lajos Rovatkay und das von ihm geleitete Ensemble la festa musicale aus Hannover schon seit geraumer Zeit mit Konzerten und hochkarätigen Einspielungen, die nicht nur für einen musikalisch weitgehend unbekannten Meister werben, sondern vor allem die faszinierende Qualität seiner Tonsprache deutlich machen. Werner war offensichtlich ein ausgezeichneter Kontrapunktiker – nicht im

Teil 1 von 5 in Michael Kubes HörBar #138 – Requiem
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L’Orfeo Barockorchester

L’Orfeo Barockorchester

Ein Doppelalbum, das den Blick auf einen oft unterrepräsentierten Teil der frühen Leipziger Kantaten lenkt, nämlich auf die zwischen Juli 1726 und Februar 1727 entstandenen Solowerke, die (bis auf einen abschließenden Choral) ganz ohne Chor auskommen. Charakteristisch für die Kompositionen ist ihre gedeckte Farbigkeit – sowohl in der Wahl der Stimmlage (Alt und Bass) als auch in der Hinzunahme der Oboen. Auch die Libretti, die häufig das «Ich» des Gläubigen in den Mittelpunkt stellen, legen eine solistische Besetzung nahe und eine Faktur, die trotz konzertanter Elemente (etwa der obligat geführten

Teil 5 von 5 in Michael Kubes HörBar #136 – Bach. Kantaten
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Das Neue Orchester / Christoph Spering

Das Neue Orchester / Christoph Spering

Keine Vision, aber auch kein Trugbild. Diese Einspielung (3 CDs) mit nicht weniger als neun Kantaten kommt äußerlich denkbar bescheiden daher, überzeugt aber interpretatorisch auf ganzer Linie. Schon auf dem Cover sind nur die entsprechenden BWV-Nummern vermerkt, erst im Booklet erfährt man eher beiläufig, dass es sich um eine Auswahl aus dem sogenannten Choralkantaten-Jahrgang handelt, den Bach 1724/25 konzipierte und dennoch nicht vollständig mit allen Werken bestückte (über die Gründe wird bis heute spekuliert). In der Mehrzahl kommen hier eher selten gespielte Kantaten zum Zuge, und Christoph Spering ist durchaus

Teil 4 von 5 in Michael Kubes HörBar #136 – Bach. Kantaten
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Les Arts Florissants / Paul Agnew

Frühe Bach-Kantaten: Les Arts Florissants / Paul Agnew

Bach. A Live in Music Vol. 1. Early Cantatas mit Benjamin Alard (Orgel), Les Arts Florissants, Paul Agnew bei harmonia mundi. Können ist nicht gleichbedeutend mit müssen. Und so verhält es sich auch mit dem Ensemble Les Arts Florissants unter der Leitung von Paul Agnew. Äußerlich mag alles passen: Die solistische Vokal- und Instrumentalbesetzung eröffnet in der direkten Akustik einen kammermusikalischen Zugang zu den Werken und ihren Strukturen. Gleichzeitig irritieren Ausführung und Interpretation.

Teil 3 von 5 in Michael Kubes HörBar #136 – Bach. Kantaten
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Vivaldi. Jahrezeiten / Stefan Plewniak

Vivaldi. Jahrezeiten / Stefan Plewniak

Wohl zu keiner anderen Komposition lassen sich Giuseppe Arcimboldos unverwechselbare Fruchtstücke und «teste composte» (zusammengesetzte Köpfe) besser denken, als zu den Jahreszeiten von Antonio Vivaldi, wenngleich mehr als 150 Jahre und eine ganze Epoche zwischen Bild und Musik liegen. Bei diesem Album wurde der farbenfrohe Sommer (1563) für das Cover gewählt – auch er ist Teil eines Zyklus durch die vier Jahreszeiten. Oft genug gehört, stellen freilich Vivaldis charakteristische Concerti immer wieder die Frage, ob man sie wirklich neu oder einfach nur etwas anders interpretieren kann. Die Antwort lautet in

Teil 5 von 5 in Michael Kubes HörBar #123 – Obst & Gemüse
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Heinrich Alberts Kürbishütte / Hathor Consort

Heinrich Alberts Kürbishütte / Hathor Consort

Eine Kürbishütte in Königsberg. Sie war Fluchtort für Dichter (und komponierende Musiker), die das Glück hatten, im ostpreußischen Königsberg nur indirekt von den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges betroffen zu sein. Und dennoch: Selbst in großer Entfernung hatten die zu jener Zeit kämpfenden oder marodierenden Truppen einen Einfluss auf das Denken in Verlusten und das Gefühl der Vanitas insgesamt. Selbst der von Heinrich Albert (1604–1651) auf einem ihm von der Stadt geschenkten Grundstück vor den Toren der Stadt an der Pregel angelegte Garten mit seiner für einen ganzen Kreis von Dichtern

Teil 4 von 5 in Michael Kubes HörBar #123 – Obst & Gemüse
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Bach Triosonaten / Martin Neu

Bach Triosonaten / Martin Neu

Auch wenn diese Stücke «Triosonaten» heißen und einen dreistimmigen Satz aufweisen, so bedeutet das nicht, dass auch drei Musiker:innen am Werk sind. Der von Arcangelo Corelli etablierte Satztyp findet in den von Johann Sebastian Bach vollzogenen Transformation auf der Orgel einen ganz eigenen Höhepunkt. Hier bewahren die obligat geführten Stimmen in einem kunstvollen Geflecht ihre Eigenständigkeit – ein Geflecht, das auch mit vollständiger Unabhängigkeit von Händen und Füßen abgebildet werden muss. Dabei hat Bach jedem Satz einen individuellen Charakter und Affekte vom festlichen Konzertieren bis zum tiefen Nachsinnen eingeschrieben; die

Teil 3 von 5 in Michael Kubes HörBar #123 – Obst & Gemüse
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